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Die Kommune als Symbol und als BeispielSchon am Tage nach der Niederlage der Pariser Kommune entbrannte eine leidenschaftliche Diskussion, in deren Verlauf die Kommune von sehr vielen und gegensätzlichen Positionen aus als Beispiel hingestellt wurde. Thiers und Jules Favre ließen die alte, bequeme These vom Komplott wieder aufleben und sahen in der Kommune einen schlagenden Beweis für die geheimen Umtriebe jener teufli-chen Gesellschaft, der Internationale. Eine These, die dazu bestimmt war, das Bild vom Aufstand vor der ganzen Welt zu entstellen, andererseits aber zur Legendenbildung ganz erheblich beitrug. Schon Marx bemerkte mit einigem Erstaunen: Man hat bisher geglaubt, die christliche Mythenbildung unter dem römischen Kaiserreich sei nur möglich gewesen, weil die Druckerei noch nicht erfunden war. Gerade umgekehrt. Die Tagespresse und der Telegraph, der ihre Erfindungen im Nu über den ganzen Erdboden ausstreut, fabrizieren mehr Mythen (und das Bourgeoisrind glaubt und verbreitet sie) in einem Tag, als früher in einem Jahrhundert fertiggebracht werden konnten."' Die verschiedenen sozialistischen Gruppierungen haben ihrerseits die Kommune für ihre jeweiligen Zwecke herangezogen, ihr Beispiel zitiert, um ihre Positionen zu rechtfertigen und zu untermauern. Hundert Jahre sind seitdem vergangen und die Kontroversen bestehen offensichtlich immer noch. Als Symbol und als Fanal erhitzt die Kommune bis heute die Gemüter: jede Anschauung, die mit dem Anspruch auftritt, die Arbeiterbewegung zu vertreten, will sich wie eh und je mit dem Nimbus von 1871 umgeben und stellt sich als seine allein legitime Erbin hin. Ein glänzender Beweis für die Langlebigkeit der alten Streitigkeiten, die Engels schon in einem Brief aus dem Jahre 1874 kommen sieht: Als durch die Kommune die Internationale eine moralische Macht in Europa wurde, fing der Krakeel sofort an. Jede Richtung wollte den Erfolg für sich ausbeuten. Der Zerfall, der nicht ausbleiben kormte, kam."^ Tatsächlich ist diese Kontroverse weniger ein Beweis für die Kontinuität der Diskussionen als vielmehr für die ideologische Funktion der Geschichte der Kommune in der Arbeiterbewegung. Vergangenheit und Gegenwart, Geschichte und Ideologie verschmelzen in dieser nie endenden Auseinandersetzung. Sie ist eine Bestätigung falls es einer solchen überhaupt bedarf für das seltsame Schicksal des Pariser Aufstandes, der zugleich Beispiel und Symbol wurde. Beide haben sich dem kollektiven Bewußtsein tief eingeprägt. Dieser Aspekt, nämlich das theoretische, politische, ideologische und geistige Weiterwirken der Kommune, stellt ein eigenständiges historisches Phänomen dar, so etwas wie die zweite Ebene ihrer eigenen Geschichte. Sie verkörpert allerdings in gewisser Hinsicht den Verlauf der Arbeiterbewegung selbst, den die Kommune entscheidend geprägt und deren Ziele sie geformt hat. Als historisches Ereignis und mit ihrer Symbolhaftigkeit fügt sich die Kommune organisch in das Erbe der Arbeiterbewegung; sie ist vollständig in die theoretische Entwicklung der Arbeiterbewegung eingegliedert, in ihre Mythen, ihr historisches Bewußtsein, ihr Bezugssystem und leider auch in ihre fundamentalen Divergenzen und ideologischen Differenzen. Ein umfangreiches, mehrdimensionales Thema; komplex, schwierig einzugrenzen und zu definieren. Ohne Zweifel besteht1Brief an Kugelmann vom 27. Juli 1871; MEW, Bd. 33, S. 252.2Brief Engels an Sorge vom 12. September 1874; MEW, Bd. 33, S. 642, a. a. O.