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Einleitung
Das sechzehnte Jahrhundert, mit dem in den böhmischen Ländern Renaissance und Manierismus verbunden sind, ist ein verhältnismäßig kurzer dabei aber minder übersichtlicher und klarer historischer Zeitabschnitt als die vorhergehende langandauernde Gotik und das spätere, ebenfalls bedeutend längere Barock. Diese von der Forschung lange vernachlässigte und wenig beachtete Periode wurde vom kunsthistorischen Standpunkt aus bis heute noch nicht genügend mit Tatsachen belegt, und noch größere Unsicherheit und Verlegenheit tauchen bei ihrer Interpretation und Würdigung auf. Die Forscher sehen sich einer Menge schwieriger Fragen gegenübergestellt, die sich mit Nachdruck aufdrängen. Welchen Charakter, welche historischen Schicksale, welches künstlerische Niveau und welche Bedeutung in der Entwicklung hatte die Renaissante in Böhmen? Welchen Platz nimmt der mit solcher Fülle widersprüchlicher Deutungen belastete Manierismus in dem komplizierten Prozeß ein, der in Böhmen mit der Aufnahme der Renaissance begann und im 17. Jahrhundert im Barock mündete, das sich hier auf schöpferische und individuelle Weise entfaltete? Was bedeuten diese beiden untrennbar miteinander verknüpften Phasen der Entwicklung — der Manierismus als Vollendung der Renaissance und zugleich Voraussetzung für das Barock — im weiteren historischen Prozeß, verglichen mit der Kunst Europas im allgemeinen und der Kunst Mitteleuropas im besonderen? Und welche Auswirkungen hatten sie bei der Formung der heimischen Tradition und schließlich in der Endperspektive für die Entstehung der nationalen Kunst? Diese beunruhigenden Fragen, die unser Buch aufgrund eingehender Forschungen konkret zu beantworten versucht, stellen sich, noch ehe wir das Tor der Kunstgeschichte durchschritten haben, nämlich noch im Bereich der allgemeinen Geschichte.
Für die neuzeitliche tschechische Geschichtsschreibung blieb das sechzehnte Jahrhundert lange nichts anderes als ein gewisses Vorspiel zur schicksalhaften Niederlage des Ständeaufstands auf dem Weißen Berg im Jahre 1620, eine zerrüttete, unruhige Zeit religiöser Konflikte zwischen Protestanten und Katholiken, eine Zeit der wachsenden politischen Spannungen, die zur erschütternden Katastrophe des Dreißigjährigen Krieges führten. Das Wesentliche dieser Epoche, ihre geistigen Zielrichtungen, Gedanken und Ideale blieben in der nationalistisch orientierten Historiographie ebenso ungeklärt wie ihr dauernder kultureller Beitrag und wurden bis auf geringe Ausnahmen (Zikmund Winter) sogar unterschätzt. Schon im Jahre 1913 wies Zdenëk Nejedlj im Zusammenhang mit dem Streit Uber den Sinn der tschechischen Geschichte auf den befremdlichen Umstand hin, daß die tschechischen Historiker, infolge ihrer einseitig religiösen Auffassung der vorangegangenen Zeit und der gesamten späteren tschechischen Geschichte, die schöpferische Potenz der Renaissance und ihren Einfluß auf die Kultur nicht genügend begriffen. Diese Unsicherheit in der Beurteilung der Renaissance und deren tiefgreifender Bedeutung für Böhmen ist noch bis heute in synthetischen Geschichtswerken und kulturhistorischen Essays deutlich zu bemerken. Einer der traditionellen Gründe für diese Unklarheit war die Neigung zu einer isolierten Auffassung der böhmischen Geschichte, ohne genügende Berücksichtigung der allgemeinen Weltgeschichte. Wenn diese Auffassung schon bei der adäquaten Behandlung der mittelalterlichen Vergangenheit Böhmens und seiner künstlerischen Kultur hinderlich gewesen war, mußte sich ihre Unzulänglichkeit in erhöhtem Maß gerade bei der Beurteilung des 16. Jahrhunderts bemerkbar machen, das im Grunde genommen der Epoche der regionalen Geschichte ein Ende setzte und die Zeit der internationalen resp. europäischen Geschichte einleitete. Besonders deutlich kommt dies in der kulturellen und künstlerischen Sphäre zum Ausdruck. Ohne Berücksichtigung der gesamteuropäischen Kunstentwicklung, ohne Verständnis für die umwälzende Bedeutung der italienischen Renaissance, ihre Aufnahme und Umgestaltung im Europa nördlich der Alpen ist es unmöglich, auch nur entfernt das Wesen und den Sinn des unruhigen, aber lebendigen und fruchtbaren Kunstgeschehens auf böhmischem Boden zu begreifen.