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Jedes große Volk hat Werke, die vor den Augen, aller dastehen wie Siegesbogen in die neue Zeit, in der das Volk noch denkt und lebt. Sie zuerst haben diese Zeit verkündet und scheinen doch zeitlos zu stehen, ewig neu wie am Tag, da sie geschaffen.
In verschiedenen Jahrhunderten liegen diese Werke für die Völker
— für die Romanen früher als für uns — für die Franzosen sind es die ersten Werke ihrer Klassik, jenes bewundernswert strengen Baues aus lateinischer Tradition und katholischem Gedanken, für uns liegen sie nach der Mitte des vorvorigen Jahrhunderts. Klopstock scheint uns zuerst zu sprechen, wie wir reden, doch ist es nur nach Laut und Form
— der Sinn seiner Rede erreicht uns kaum mehr. Mit „Emilia Ga-lotti" und den „Leiden des jungen Werther" hebt unsere Zeit an, hier sind die ersten Werke, die ein jeder kennt, in denen in irgendeinem Sinn unser Leben gelebt wird trotz der großen zeitlichen Ferne.
Die „Leiden des jungen Werther", jedem vertraut, stets aufs neue gelesen, gelegentlich von besonders tatkräftiger Jugend unwillig beiseite geschoben und doch immer wieder gelesen — bald nach ihrem Erscheinen hat in einem Brief an Frau v. Stein Johann Georg Zimmermann ausgedrückt, warum die Erzählung alles in ihren Bann schlug: „Ce roman si vrai, si naturel, si ressemblant a tout ce qu'on a senti mille et mille fois en sa vie la naissance et la marche de l'amour le plus vif y est peint avec le pinceau de la nature meme". Den Jungen ist alles vertraut, weil sie aufs lebhafteste mitempfinden, den Alten ist alles vertraut, weil da etwas ist, das einmal in ihrer aller Leben war. Dieser klare Bau eines Werkes der Kunst, heute wie vor fünf Menschenaltern jedem begreifbar — was empfinden wir tiefer in ihm : die Schilderung des Maienmonates des ersten Jahrs, die selige Zeit des ersten unbewußten Suchens, das seliger sein kann als alles Finden, mit dem ja doch fast immer die Wirrungen des menschlichen Lebens beginnen, die Schwierigkeiten, die Hindernisse — oder das Miteinanderhinleben, dies seelische Umeinander, dann das Deutlicherwerden der Unhaltbar-keit, die trüb aufsteigende Gewißheit des Liebenden, daß der Weg, den er eingeschlagen, kein sinnvolles Ziel hat, dann die Verdüsterung in diesem Wissen um Unmöglichkeit, die Zersetzung einer Seele, den Abschied unter Tränen und auf immer, den bis ins gegenständlich Letzte