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Vorwort
Literaturgeschichte ist von alters her ein Gew^ebe hochfahrender Irrtümer. Die deutsche Literaturgeschichtsschreibung nach 1945, schon bald unverkennbar vom Eishauch des Kalten Krieges geprägt, brachte ein gerüttelt Maß solcher Irrtümer und sich gegenseitig widersprechender Interpretationen hervor. 1962 meinte Marcel Reich-Ranicki in »Sinn und Form« eine »stille Enklave des Liberalismus« entdeckt zu haben. Dagegen war für Alfred Kurella die Zeitschrift »keine Insel der Seligen, sondern Kampforgan der Kulturpolitik«. Walter Jens wiederum erhob gar die »Sinn und Form«-Hefte der Huchel-Zeit zu einem »geheime(n) Journal der Nation«. So weit mochte SED-Generalsekretär Honecker nicht gehen, der anlässlich des 40. Geburtstages der Akademiezeitschrift 1989 stolz von einem »weltweit beachtete[n] Gütezeichen der sozialistischen Nationalliteratur der DDR« sprach. Zehn Jahre später - die Zeitschrift ist längst im wiedervereinigten Deutschland angekommen - griff der westdeutsche Publizist Gustav Seibt noch einmal Jens' Deutung auf und glaubte nun rückblickend in der 40-jährigen Geschichte von »Sinn und Form« nicht nur Ansätze einer »DDR hinter der DDR« (eine Art »Ideal-DDR«) entdeckt zu haben, er formulierte darüber hinaus die These von einer »Geheimen DDR, die >Sinn und Form< eben auch« gewesen sei.'
Auf dem fluktuierenden Zeitschriftenmarkt der vergrößerten Bundesrepublik längst etabliert, wirbt die Zeitschrift nun für sich selbst mit der Feststellung, »eine der seltenen traditionsreichen Kulturzeitschriften in Deutschland«^ zu sein. In der ostdeutschen wie auch der westdeutschen Germanistik blieb die Literaturzeitschrift »Sinn und Form« dennoch über einen langen Zeitraum hinweg ein weitgehend gemiedenes bzw. unbeachtetes Forschungsthema. In der DDR-Germanistik wurden zwar etliche Zeitschriften der Nachkriegszeit untersucht,' um »Sinn und Form«, ganz besonders um die Huchel-Zeit, jedoch stets ein mehr oder weniger großer Bogen gemacht. Der 11. Band der 1976 in Ostberlin erschienenen Geschichte der Deutschen Literatur,'' welcher sich ausschließlich mit der DDR-Literatur befasste, bewertete Peter Hüchels langjährige Chefredaktionszeit äußerst knapp und zudem lediglich kulturpolitisch. Ohne weitere Analyse ordnete er Hüchels Arbeit »Tendenzen des Ästhetizismus und der Versöhnung von bürgerlicher und sozialistischer Ideologie« der DDR-Literatur zu, der die Partei Anfang der sechziger Jahre erfolgreich einen kulturpolitischen Kurs entgegengesetzt
1 Seibt, Gustav: Das Prinzip Abstand. Fünfzig Jahre Sinn und Form. In: Sinn und Form 51(1999)2, S. 205-218.
2 Vgl. Bestellformular in den laufenden Heften von »Sinn und Form«.
3 Erwähnt seien hier eine Dissertation zum »Ulenspiegei« von Heike Hansen und eine ausführliche Untersuchung des »Aufbaus« von Marianne Streisand.
4 Haase, Horst u. a. (Hg.): Geschichte der Deutschen Literatur. Literatur der DDR. Bd. 11, Berlin (Ost) 1976.