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I. Die christlich-orientalischen Miniaturen
Das frühe Mittelalter hat sein Gesicht vollkommen verändert. Wir sehen heute klar — dank der Anleitung durch Josef Strzygowski in Wien — daß es sich nicht auf abendländisch-römischer, sondern auf orientalischer Grundlage aufbaut.
Manches alte bequeme Vorurteil allerdings wird vor dieser Erkenntnis zuschanden. Deswegen sucht man sie zu verdunkeln, abzuschwächen, von den Laien fernzuhalten. Die das tun, sind vor allem die römischen Priester (der Jesuitenpater Stephan Beißel ist einer der kenntnisreichsten unter den Kunstgelehrten). Für sie ist es Dogma, daß die ewige Stadt Quell und Ursprung der mittelalterlichen Kultur sei, daß alle Wege von Rom ausstrahlten. Die griechische Kirche ist und bleibt ihnen nur die geringere, ungeberdige Schwester. Fast noch peinlicher berührt die Ableitung unserer Kultur von der orientalischen die unentwegten Teutschen. Sie sind wirklich zu bedauern. Erst hat man ihnen den Ruhm genommen, die Gotik erfunden zu haben — der kommt allein den verhaßten Franzosen zu — und jetzt sollen sie eingestehen, daß nicht einmal die ,,kerndeutsche" romanische Kunst auf heimischem Boden erwachsen ist, vielmehr von semitisch stark untermischten Provinzen des oströmischen Reiches zu uns hereingetragen, in ihren Elementen wenigstens. Das ist freilich bitter. Die Vormundschaft Italiens, das nach H. St. Chamberlain bis in die Hochrenaissance hinunter mehr deutsch als romanisch gewesen, hatte man sich für Deutschlands Kinderjahre gern gefallen lassen .
Eben deswegen müssen unzweideutig alle Folgerungen, die aus der veränderten Vorstellung des Mittelalters erwachsen, scharf umrissen aufgezeigt und in die weiten Kreise der Gebildeten