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VORWORT DES HERAUSGEBERS
Alle Graphik lebt vom Zauber der Linie. Die Wiedergabe eines Gegenstandes allein in Linien verlangt ein Höchstmaß an Konzentration auf das Wesentliche und die Abstraktion von allem Farbigen und Glänzenden. Insofern ist Graphik nach ihren Mitteln und Möglichkeiten eine Kunst hoher Vergeistigung. Der deutsche Beitrag dazu hat im Rahmen der europäischen Kunst stets eine bedeutende, zeitweise eine führende Rolle gespielt. Ein bisher fast unbeachtetes Kapitel in der Geschichte der deutschen Graphik soll hier erstmalig durch Bild und Katalog andeutend erschlossen werden: das Kapitel der Glockenritzungen. Der Schmuck der Glocken mit Ritzzeichnungen stellt eine graphische Technik dar. Sie ist, wie im Folgenden nachgewiesen wird, nur in Deutschland, ja, nur in bestimmten deutschen Landschaften üblich gewesen und wurde nur während weniger Jahrhunderte angewendet. Trotzdem scheint es uns wichtig zu sein, auch die künstlerischen Leistungen in dieser Technik als wesentlichen Beitrag zur deutschen Graphik zu erkennen und sie mit den Darstellungen in anderen Techniken zu vergleichen, um so zu einer immer fester gefügten Geschichte der deutschen Graphik zu kommen. Das hier vorgelegte Buch will den Weg zur Lösung dieser Aufgabe erleichtern.
Es ist zwar sicher, daß die Geschichte der mittelalterlichen Graphik nie mehr ganz befriedigend wird geschrieben werden können. Das ursprünglichste und bedeutendste Material dazu, die Zeichnungen der Künstler, ihre Entwürfe, Vorbildsammlungen, Skizzenbücher und Ähnliches, sind uns bis auf geringe Proben bis ins 15. Jahrhundert hinein verloren. Nichts berechtigt, so meinen wir, zu der Annahme, daß sie niemals existiert hätten. Umso wichtiger ist es, diese Lücken versuchs-und andeutungsweise zu schließen, indem man die graphischen Denkmäler in dauerhafteren Techniken untereinander vergleicht und zusammenfügt. Für die Frühzeit bieten die Federzeichnungen in den Handschriften ein noch lange nicht genügend ausgeschöpftes Material dafür dar. Aber die Zeichnungen auf Pergament oder Papier sind doch noch etwas Besonderes im Rahmen der Graphik, insofern ihnen technisch vom Material her keine oder doch keine nennenswerten Widerstände entgegengesetzt werden. Auch eignet ihnen nicht von innen her und mit Notwendigkeit der Charakter der Monumentalität. Beides aber, die technischen Schwierigkeiten und die Monumentalität, kennzeichnet die Glockenritzungen in hohem Maße. Die Ritzungen haben den Widerstand des zähen Lehms zu überwinden und sind innen im „Glockenmantel" im Spiegelbild aufzubringen. Bei großen, sich auch in die Breite erstreckenden Darstellungen kommt die Rundung der Glocke erschwerend hinzu. Die Monumentalität aber ist den Ritzungen durch ihren Bildträger nahegelegt, auch wenn ihre absolute Größe nicht immer „monumental" ist. In der Technik steht unseren Glockenbildern die Metallgravierung und — später — der Kupferstich besonders nahe. Aber beide besitzen wieder nicht von ihren äußeren Bedingungen her den Zug zur Monumentalität. In seiner Wirkung ist der frühe Holzschnitt zwar den Abreibungen der Glockenritzungen besonders eng verwandt, aber das ist eine gewisse Täuschung. Sie ist in der Art der Wiedergabe
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