Bővebb ismertető
Erster Teil
Es gibt Geschichten, in die man den Leser behutsam einführen sollte, und ich glaube, daß dies eine solche Geschichte ist. Eines Abends zu Beginn eines kalten Februars im ersten Winter des Korea-Kriegs verließ ich meinen Hörsaal in der Universität und ging durch den Korridor zum Treppenhaus. Es war fünf Uhr, und die schönste Zeit des Tages in jenem Winter sollte nun anheben. Ich liebe Montreal an schönen Winterabenden, und ich freute mich auf den Spaziergang durch die Sherbrookstraße, wo der Abendstern in dem schmalen Stück Himmel zwischen den Hausdächern an der Ecke zur Guystraße funkelt, auf einen Drink vor dem Kamin, auf das Abendessen und auf einen gemütlichen Abend mit meiner Frau, auf ein bißchen Arbeit am Schreibtisch und auf einen tiefen, langen Schlaf. An diesem Abend war ich glücklich. Ich glaube, ich sollte mich Ihnen nun vorstellen. Ich heiße George Stewart und stamme aus einer Familie, die zu den sogenannten alten Montrealer Familien gehört, aber auch verarmt ist, und noch heute betrachte ich mich als ein Produkt nicht nur Montreals, sondern auch der Wirtschaftskrise, die an mir, wie an so vielen meiner Freunde, ihre Spuren hinterlassen hat. Denn unsere Stadt mit ihrer höchst komplizierten Struktur hatte unter der Wirtschaftskrise schwer zu leiden.
Ich habe mir auf vielerlei Weise meinen Lebensunterhalt verdient, aber der Rundfunk war das einzige Gebiet, auf dem ich es zu einem gewissen Ansehen bringen konnte. Vor dem Korea-Krieg war ich jahrelang politischer Kommentator am Rundfunk und freier politischer Mitarbeiter an unseren Zeitschriften gewesen. In einem riesigen Land wie die Vereinigten Staaten wäre ein Mann mit meinem Ansehen bald zu Wohlstand gelangt. Aber Kanada ist ein dünnbesiedeltes Land, meine Honorare waren entsprediend
gering. Hunderttausende von Kanadiern kannten meinen Namen, doch den meisten von ihnen ging es finanziell besser als mir. Nie hatte ich finanzielle Sidierheit gekannt, aber ich hatte wenigstens mein Auskommen und keine Schulden.
Sicher habe ich mich nie gefühlt. Aber wer von meinen Altersgenossen, ausgenommen die Dummen, hätte das schon gekonnt? Ziemlich viele Leute hielten mich für erfolgreich, aber ich kam mir nicht erfolgreicher vor als der alte Grieche, der die Felsblöcke den Berg hinaufwälzte und wußte, daß sie, waren sie oben angekommen, sofort wieder herunterrollen würden. Manche Leute hielten mich für ausbalanciert, aber im tiefsten Innern wußte ich, daß ich es nicht war. Ich bin häufig als ein »reifer« Kommentator bezeichnet worden, ich selbst aber habe mich nie für reif gehalten. Die Jungen scheinen mir reifer, weil sie die dreißiger Jahre nicht gekannt haben. Die Jungen haben das notwendige Selbstvertrauen und die Ignoranz, um sich reif zu fühlen, und deshalb gefallen sie mir soviel besser als die Mensdien meines Alters. Hat es je eine Generation gegeben wie die unsre? Gab es je eine Zeit, wo so viele Menschen auf so rührende Weise sich für die ganze Menschheit verantwortlich fühlen zu müssen glaubten? Gab es jemals eine Altersschicht, die sich so erfolglos danach sehnte, zu etwas zu gehören, das größer war als sie selbst?
In jenem Winter war ich fest davon überzeugt, daß ich zum erstenmal seit meiner Knabenzeit zum Ausruhen gekommen war. Idi meinte, ich sei mit mir selbst übereingekommen und hätte mich mit dem eigenartigen Schicksal abgefunden, das durch die Krankheit meiner Frau bedingt war. Ich glaubte sogar schon, ich hätte Selbstvertrauen gewonnen. Ich mochte meinen Lehrauftrag an der Universität, weil er mich mit den Jungen in Berührung brachte. Diese Nachkriegsstudenten schienen mir eine völlig neue Rasse zu sein. Sie waren seelisch so viel freier, als wir es je gewesen sind, und ihr Gefühlsleben war bei weitem unkomplizierter. Obendrein waren sie, wenn die Welt nicht wieder aus den Fugen ging, auch glücklicher; denn keinen von ihnen bedrückte die Erinnerung an die Wirtschaftskrise oder an die Zeit, da Hitler der mächtigste Mann der Welt war. An keinem von ihnen nagte das Bewußtsein, daß er