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Die Neue Gesellschaft/Frankfurter Hefte 11/1993 [antikvár]

 
In den letzten fünf Jahren hat sich die Kommunikationskultur unseres Landes tiefgehend verandert. Es ist eine Art Drei-Schritt. Hörfunk und Fernsehen wurden privatisiert, was auf der Stelle einen harten Konkurrenzkampf um Einschaltquoten ausgelöst hat; dieser Konkurrenzkampf blieb nicht nur auf die Privátén beschránkt, sondern erfaSte auch die Öffentlich-Rechtlichen und die Print-Medien. Jene Entwicklung trieb - im zweiten Schritt - die (ein Jahrzehnt lang exakt vorhergesagte) Spirálé der Programmverflachung hervor. Da und dort gab es...
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In den letzten fünf Jahren hat sich die Kommunikationskultur unseres Landes tiefgehend verandert. Es ist eine Art Drei-Schritt. Hörfunk und Fernsehen wurden privatisiert, was auf der Stelle einen harten Konkurrenzkampf um Einschaltquoten ausgelöst hat; dieser Konkurrenzkampf blieb nicht nur auf die Privátén beschránkt, sondern erfaSte auch die Öffentlich-Rechtlichen und die Print-Medien. Jene Entwicklung trieb - im zweiten Schritt - die (ein Jahrzehnt lang exakt vorhergesagte) Spirálé der Programmverflachung hervor. Da und dort gab es ein paar interessante neue Programme, zum Beispiel Spiegel-tv, die schnörkellos-verstándlichen Nachrichten von pro 7 oder die Roger-Willemsen-Interviews im PayTV-Sender Elite. Insgesamt aber stieg der Pegel der Gewalt bedrohlich an. Jetzt erieben wir das seltsame Satyrspiel, daL> dieselben Leute, die die Privatisierung des Fernsehens vorangetrieben hatten, mit zitternder Stimme die Resolutionen Katholischer Landfrauen zitieren, in denen die Verrohung des Programms gegeifielt wird. Das Thema Ethik im tv hat Konjunktur. BloE scheren sich die Profiteure der kapitalistischen Modernisierung nicht um die Predigten von früheren Postministern, öffentlichrechtlichen Lebemannern und den Direktoren Katholischer Akademien. Der dritte Schritt ist die galoppierende Entwertung der Privatheit, die Ausbeutung und Ausweidung der Intimitát. Das betrifft zuerst einmal Figuren von öffentlichem Interesse. Auch Oskar Lafontaine und Boris Becker verdienen unser Mitleid, wenn sie mit erfundenen oder jedenfalls gewaltig übertriebenen Rotlicht-Affáren oder rassistisch angehauchten Liebeskabalen gequált werden. Aber bei Prominenten kann man sagen, daS sie sich selbst ins grelle Licht der Öffentlichkeit gedrangt habén und mit Ruhm oder Geld entschádigt werden. Schiimmer ist das Schicksal des kleinen Gewerkschaftsfunktionars, dem falschlicherweise unterstellt wurde, fünfzigtausend Mark in einem Bordell in Thailand investiert zu habén oder der Mutter von siamesischen Zwillingen. Auch ihr Schicksal wird erbarmungslos verwurstet - und sie habén keine Pressestellen, mit denen sie sich wehren können. Ob der Gesetzgeber die nachgewiesenermaSen falsche Berichterstattung über das Privatleben von Menschen in absehbarer Zeit ein biSchen risikoreicher (teurer) macht? Mit all diesen Problemen bescháftigt sich unser November-Heft. Bernd Mosebach geht den empirischen Untersuchungen über Gewalt im Fernsehen nach, Jan Bielicki analysiert die kontroverse Debatte zwischen Politikern und Journalisten über den Angriff auf die Privatheit. Wobei wir - im Unterschied zum Medienheft des merkur - zuerst einmal Brot und Butter liefern wollten: die Daten empirischer Sozialforschung und die Facts der politischen Debatte. Wir ráumen gern ein, da8 das Thema auch eine theoretische Seite hat; die Auseinandersetzung mit dem Konstruktivismus Baudrillards, der Theorie der Geschwindigkeit Paul Virilios' oder den Kulturtheorien von Marshall MacLuhan bis Villem Flusser. Mit dieser Dimension werden wir uns im Jahr 1994 befassen. Das November-Heft enthalt unter anderem ein ausführliches Gesprach mit Volkmar Gabert, einem - heute siebzigjáhrigen - Deutsch-Böhmen, der in Bayern festgewachsen ist und der seine spáten Jahre der Versöhnung zwischen den Deutschen und den Tschechen widmet. Gabert, der im Lauf seines Lebens hohe Ámter in der spd bekleidet hat, ist heute Vorsitzender einer Gesinnungsgemeinschaft, die im Namen Josef Seligers, des groBen sudetendeutschen Arbeiterführers aus dem Anfang des Jahrhunderts, Vertriebene aus Böhmen und Máhren organisiert, und zwar solche mit sozialdemokratischer Einstellung. Diese Seliger-Gemeinde hat den Freundschaftsvertrag zwischen Deutschland und der Tschechischen Republik unterstützt und die revanchistischen Töne, die gelegentlich aus der Sudetendeutschen Landsmannschaft kommen, immer zurückgewiesen. Trotzdem wird Gaberts kompromiSlose Verurteilung jeder Vertreibung - alsó auch der Vertreibung der Deutschen aus Böhmen - in der Tschechischen Republik Kritik auslösen. Dort gibt es immer noch Leute (sogar Sozialdemokraten), die zwar die Verbrechen am Rande der Vertreibung verurteilen, nicht aber die Vertreibung selbst. Angesichts des ethnic cleansing von heute ist aber eine unklare Haltung gegenüber dem ethnic cleansing von gestern unverantwortlich. Peter Glotz

Termékadatok

Cím: Die Neue Gesellschaft/Frankfurter Hefte 11/1993 [antikvár]
Kiadó: Verlag J. H. W. Dietz
Kötés: Ragasztott papírkötés
Méret: 160 mm x 240 mm
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