Bővebb ismertető
Das wichtigste Thema des Januar-Heftes heiSt: Telekratie - das Ganzé eine theoretische Nachlieferung zu einem Medien-Heft im Jahrgang '93. Wáhrend unsere Autoren damals noch traditionell medienpolitisch argumentierten, bieten wir diesmal die sneuere Medientheorie auf, Vilém Flusser und Norbert Bolz zum Beispiel. Denn ohne Zweifel wirft das Zusammenwachsen der Apparate Telefon, Fernsehen und pc alte Fragen im neuen Licht auf. Platons Höhlengleichnis, Herders Ursprung der Sprache und Kleists berühmter Essay über das Marionettentheater bekommen eine neue Aktualitát. Fiktion und Reaiitát verschwimmen immer háufiger; auch wird diese Verunsicherung der Wahrnehmungsverháltnisse (Flórian Rötzer) manipulativ genutzt. Da ist theoretische Reflexion nötig. Norbert Bolz, Professor für Kommunikationstheorie in Essen, sagt selbst, daf> viele der betörend dunklen Mediengurus Antennisten sind: Sie registrieren die neuen Schwingungen, melden sie weiter, begreifen sie aber nicht. Der nach Brasilien vertriebene Prager Jude Vilém Flusser, von dem wir ein unveröffentlichtes Stück aus dem NachlaS drucken, war noch ein ehrlich staunender, wenn auch genialisch sprunghafter Beobachter. Ihm gerade noch vergleichbar mag der Kritiker der Geschwindigkeit Paul Virilio sein. Schlimmer ist ein französischer Clan, dessen berühmtester Dunkelmann Jean Baudrillard heifit. Der frühere Soziologe, der jetzt sein Geld als Medizinmann und Zeitgeistritter verdient, fabelt vom bösen Geist der Information und behauptet, der Golfkrieg sei nur ein Test gewesen, ob es überhaupt noch Kriege geben könne. Leider sind bei diesem Test hundert- oder zweihunderttausend Menschen umgekommen. Man kann mit Fachbegriffen wie Echtzeit, OnLine oder Virtualitat auch hantieren wie der Grofiwildjáger mit der Betáubungspistole. Die Multimedia-Euphorie gebiert nicht nur Antennisten, sondern auch Pyrotechniker. Vor ihrem Feuerwerk wollen wir warnen. Der Westen, was immer das nach 1989 auch sei, sollte an der informationellen Ebene festhalten, die alte demokratische Medien, wie die bbc oder die neue zürcher zeitung, viele Jahrzehnte lang verkörpert habén. Für den Köpfler in die dunklen Wasser des Irrationalismus und der Neoromantik gibt es keine Rechtfertigung. Eine Monatszeitschrift kann die Aktualitát nur schlaglichtartig beleuchten; darum mühen wir uns im ersten Segment unserer Zeitschrift, eben unter der Headline Aktuelles. Unser Ziel sind Nachrichtenanalysen, eine journalistische Darstellungsform, die News nicht pur prásentiert, sondern in Kontexte einordnet und bewertet. Zu Jahresbeginn prasentieren wir drei - wie wir glauben - besonders geglückte Stücke. Unser Redaktionsmitglied Johano Strasser, einer der profundesten Analytiker der Figur des europaischen Sozialstaats, sortiert die bei der Tutzinger Tagung des rechten spd-Flügels angestofiene Debatte über den MiSbrauch von Sozialleistungen. Jürgen Krönig stellt den neuen Labour-Führer Tony Blair vor, einen Reformisten, der seine traditionsreich-traditionalistische Truppé noch viel radikaler provoziert als Rudolf Scharping die spd. Zeljko Vukovic schlieSlich, ein nach Oslo emigrierter Journalist aus Sarajevo, analysiert die Opposition in Bosnien-Herzegowina und fragt, warum sie so erfolglos ist. Sein Essay enthált saftige Provokationen für unsere Resolutions-Intelligenz. Das multikulturelle Bosnien wáhlte, berichtet Vukovic, schon 1990 zu 90 Prozent die nationalistischen Partéién sda (Muslime), sds (Serben) und hdz (Kroaten). Die nationalistische Intelligentsia hat die übernationale Orientierung der osmanischen Tradition lángst brutal untergebuttert. Ob das Susan Sonntag, die sich in Sarajevo mit einer BeckettInszenierung vor Izetbegovics Militár-Establishment in Szene setzte, irgendwie bewegen wird? Kaum. Was bringt das Jahr '95? Verfallt die fdp? Gibt es Neuwahlen? Gibt es die Grofie Koalition? Rettet sich Kohl noch einmal zwölf Monate durch? Die Bosnien-Debatte oder der Zank um die Abschiebung von Kurdén habén schon in den Flitterwochen der neuen Regierung gezeigt: Diese Ehe ist brüchig. Helmut Kohl, der Riesenschildkröterich, steht vor einer bedrückenden Alternative: Witwer oder Casanova? Entweder stirbt ihm die Partnerin fdp, zum Beispiel, weil sie bei Wahlverlusten in den Landtagswahlen von Hessen und NordrheinWestfalen verschreckt dem Herzschlag erliegt. Oder der müde Meister mufi noch einmal fremdgehen, um der ungesunden Bewegungslosigkeit dieser Beziehung zu entfliehen. Prost Neujahr! Peter Glotz