Bővebb ismertető
Wieso scheint sich Politik von Geschichte immer mehr zu lösen? Noch vor zwei Jahrzehnten war die Kontinuitat einer politischen Bewegung wie der Sozialdemokratie übermachtig. Bernstein, Kautsky, Eichler, Knoeringen, von Oertzen waren zwar auch damals schon keine Popstars. Aber es gah einen Resonanzbodenfür diese theoretischen Köpfe. Es gab wirksame Minderheiten, die genau zwischen Enrico Berlinguer, Bruno Kreisky oder Olof Palme zu unterscheiden wussten. Und es bedeutete etwas, wenn jemand ein paar Jahre dem Büro, dem Prasidium oder dem Zentralkomitee einer sozialistischen oder sozialdemokratischen Partei angehört hatte. Heute ist die Aura (Walter Benjámin) dieser sozialen Organismen verletzt oder zerstört. Ist Peter Struck wirklich ein Nachfolger von Fritz Erler, Helmut Schmidt und Herbert Wehner? Er ist es schon. Aber man kann sich irgendwie schlecht vorstellen, dass sein Bild an der Stirnseite eines Fraktionssaals gleichberechtigt und unkommentiert hangén würde und etwas Áhnliches bedeutete wie die Fotos der Ikonén. Das Gleiche giltfür ein paar der Vorsitzenden der spd nach Brandt, von deren Bernsteins nicht zu reden. Die Kette scheint gerissen. Wie sagt man, wenn einer stirbt? Er wird leben, solange jemand an ihn denkt. Ist die deutsche Sozialdemokratie vom Dezember 1999 noch ein Traditionszusammenhang? Solche Gedanken blitzen auf, wenn man die Artikel von Susanne Miller, Wolfgang Michal und Peter Merseburger liest. Die langjahrige Vorsitzende der Historischen Kommission der spd schildert ín emotionsloser Exaktheit die Entstehung des Godesberger Programms vor vierzig Jahren. Der linké Traditionalist Wehner, der das modernistische Programm leidenschafilich verteidigte - solche Bewegungen finden zum Blair-Schröder-Papier nicht statt. Michal seziert den Streit zwischen Bernstein, Bebel und Kautsky. Der Parteipatriarch Bebel nannte den Avantgardisten Bernstein einen Lumpenhund. Die Partei brauchte 60 Jahre, um anzuerkennen, was der modernistische Lumpenhund am Ende des 19. Jahrhunderts erkannt und geschrieben hatte. Dazu passt der Satz Peter Merseburgers: Für die spd geht es heute darum, ob die Partei, nach rückwarts gewandt, ihren Wahlern die wohlige Warme eines altén Wohlfahrtskapitalismus verspricht oder ob sie ihren Bürgern dabei hilft, sich auf den eisigen Wind der Initiative und der Eigenverantwortung vorzubereiten. Politische Durchschlagskraft wird nur gewinnen, wer sich, seine Geschichte und seine Zukunjt bitterernst nimmst. Schluss mit lustig. Unser Dezemberheft spiegelt das ausrinnende Jahrhundert in seinen Kapitalen. Warum hat Brüssel einen grófién Magén? Was bedeutet der Anspruch der Ewigen Stadtfür Rom? Wie hat Stockholm den Mord an Palme verarbeitet? Wie bewahrte sich London den balancierten Pragmatismus, der noch heute die Dahrendorfs aus allén Himmelsrichtungen anzieht. Unser Thema heifit: Europaische Schauplatze des 20. Jahrhunderts. Einer übrigens - Klaus Harpprecht beschwört ihn - war eine Kleinstadt: Bonn. Er stünde für den besten Staat, der den Deutschen (im Westen) jemals beschert war und damit für die glücklichste Epoche unserer Geschichte. Andere reden von Puppenstube und redlicher Belanglosigkeit. Dieser Streit wird noch lange hin und her wogen. Entschieden wird er in einer Stadt namens Berlin, die dazu verdammt ist, zum Symbol zu werden. Blofifür was? Peter Glotz Editorial NC/FH 12/99 46. Johrgong 1057