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Auch dieses ist ein interessantes Heft, natürlich. Mit einem Schwerpunkt, wie immer (diesmal: Partéién 91; die gefahrdete Modernisierung"), einigen wichtigen Einzelstücken (z. B. Horst Kerns Pládoyer für eine Industriepolitik für Ostdeutschland) und all den gewohnten Kolumnen. Das einzig Erwáhnenswerte am vierten Tag des Krieges im Arabisehen Golf aber ist, daf> unser Versuch - im Dezemberheft - in Deutschland eine öffentliche Debatte über den Golfkonflikt zustande zu bringen, vollstándig gescheitert ist. Franzosen und Amerikaner schlagen sich wegen dieses Krieges (symbolisch) die Schádel ein, Die Deutschen beschranken sich auf eine laue Dialektik: Die Regierende Rechte übt sich in Mitlaufertum, die opponierende Linké in Friedensappellen. Eine Diskussion über die politisehe Gestalt eines möglichen Friedens im Nahen Osten fíndet nicht statt. Zwar sitzt die Nation vor Sony-Schirmen und ist leise beunruhigt. Eine Reihe von Neujahrsempfángen und Faschingsballen (Rosenmontagszüge natürlich ausgenommen) sind abgesagt. Aber weif> die Nation, daS sie nichts weifi? Die Militárzensur verbietet es den journalistischen Heldendarstellern in ihren martialischen Kampfanzügen, über militárische Fehler der eigenen Seite oder Erfolge der Gegenseite zu berichten. Wieviel Menschen um die zerstőrten Chemiewaffenfabriken und Atomanlagen des Irak herum qualvoll starben, darf uns die weltweite Autoritát CNN nicht mitteilen. Es wird höchstens einmal erwáhnt, daB die phánomenale Area-Impact-Munition oder die brillantén Rockeye-Cluster-Bőmben mit ihren Hochgeschwindigkeits-Fragmenten gelegentlich auch weiche Ziele" treffen. Weiche Ziele" ist die Umschreibung für Menschen". Einer der wenigen Journalisten, die die Wahrheit sagen, ist der konservative Herbert Kremp. Er bekennt achselzuckend, daS die chirurgischen Schnitte" immer tiefer gehen müssen, auch in Wohnviertel der irakischen Stádte. Wer damit nicht gerechnet hatte, ist naiv". Der Mann ist zynisch? Der Mann hat recht. Was - jenseits der wirkungsvollen Beschwörung der Leichenfelder - kühl registriert werden mufi, ist viererlei: Erstens: Die Amerikaner werden den Krieg gewinnen; und der Westen wird die Region verlieren. Die Folge dieses Krieges wird eine schwere Demütigung der arabisehen Mentalitat, ein Islamisierungsschub und ein militanter und höchst fragwürdiger, aus dem Westen importierter panarabischer Nationalismus sein. Dieselben westlichen Politiker, die jahrelang Eiertanze vollführten, um den Terroristen Arafat nicht treffen zu müssen, werden sich mit viel schlimmeren Terroristen treffen - und für lange Jahre vermutlich ohne Ergebnis. Zweitens: Israels Sicherheit ist auf mittlere Sicht schwer gefahrdet. Thomas Krapf analysiert in diesem Heft die brennende Gefahr, daS der jüdische Staat unter der Führung der Grofiisrael-Ideologen der UKUD-Regierung in die politische Isolation getrieben wird, mit all den erbarmungslosen Folgen, die das habén kann. Drittens: Die Deutschen habén sich in diesem Konflikt auf eine kalte humanistische Empathie beschránkt. Sie waren durch den Frankfurter Flughafen, durch Panzermunition, durch allerhand Geld - an diesem Krieg beteiligt ~ aber dies wurde von keiner relevanten Organisation zur Debatte gestellt. Der amerikanische Senat stritt über den Golf-Krieg eindrucksvoll viele Stunden. Der Deutsche Bundestag blieb würdiger, allgemeiner, staatsmánnischer. Viertens: Die Europáische Gemeinschaft hat bewiesen, daS sie politisch noch nicht existiert. Wáhrend Frankreichs Prásident noch für eine Friedensinitiative kámpfte, stimmten die Englánder im Sicherheitsrat den Militáraktionen schon zu. Die Vereinigten Staaten von Európa sind ein schönes Ziel; aber auch ein fernes. Bleibt eine Meldung von AGENCE FKANCE PRESS, die zeigt, daS letztlich alles auch seine guten Seiten hat. Die Agentur meldete am 18. Januar: Der Golfkrieg hat für eine Sparte der Wirtschaft positive Auswirkungen: Die Fahnenhersteller, die die Nationalflagge produzieren, melden reiSenden Absatz. Ein Sprecher der New Yorker Firma A. sagte, es gábe derzeit einen Boom sowohl bei den kleinen Baumwollfáhnchen für das Fenster als auch bei den drei Meter groSen Nylonbannern. In 24 Stunden sei ein Umsatzplus von über 30 Prozent erzielt worden, hiefi es bei einem anderen Unternehmen. Es gábe Amerikaner, die den Garten patriotisch schmücken wollten, und Pazifisten, die mit der Nationalflagge ihren Protest gegen den Krieg ausdrücken wollten." Da sage einer noch, die Industrie diene einseitig nur einer Seite des politischen Spektrums. Unsinn. Sie bedient ausgewogen all ihre Kundén, solche und solche. Peter Glotz