Bővebb ismertető
Deutschland ist in schwieriger Lage. Die Westdeutschen sind sich völlig uneins, wie die Integration der Ostdeutschen vollzogen werden soll - rasch, schweigsam und effizient, verbunden mit einer groSen politischen Abrechnung oder in gütig-strenger Bu6e vor einer imagináren Gemeinde der Wohlmeinenden. Man verfolgt seine jeweiligen Gescháfte und redet aneinander vorbei - wobei die Geschicktesten gar nicht reden, sondern geráuschlos kassieren. In solch einer Situation, die fast notwendigerweise nationale Neurosen erzeugt, hilft nur brutal offene Kommunikation. Wenn überhaupt etwas hilft. Diesem Programm hat sich unsere Zeitschrift verschrieben. Das Hauptthema des Mai-Heftes, Kunst und Diktatur, führt Debatten fort, die bei uns seit der Einigung, seit 1989 immer wieder aufgegriffen wurden. Der Konflikt ist tief und geht - wie der Beitrag Ulrike Ackermanns zeigt - auch mitten durch die Redaktion. Habén die, die zur Bewahrung eines prekáren Friedens mit der Nomenklatúra verhandelten wirklich die Freiheit in den Lándern des Ostblocks gering geachtet? War der Friede zur Hure gemacht worden, wie Hans Joachim Schádlich in einer aggressiven Puff-Metaphorik unterstellt? Und ist die europáische Linké - die slowenische Autorin Neva Slibar hált diesen Begriff inzwischen für anachronistisch - wirklich von einer undifferenzierten Verteufelung aller Nationalismen geprágt? Man könnte auch die Gegenthese aufstellen - die Linké ist opportunistisch und lax in der Auseinandersetzung mit Nationalismen. Wir wollen diesen Streit ohne viele Rücksichten austragen und verstehen uns, um einen Begriff des 18. Jahrhunderts zu wiederholen, als Sprechsaal der Linken. Schon halt man uns ungerichtete Liberalitát vor. Die einen erstarren vor Entsetzen, weil wir den grünen Rechten Henning Eichberg zu Wort kommen lassen, andere rufen nach dem Riechflaschchen, weil wir mit (früheren?) Reformkommunisten wie Dieter Klein und Michael Brie reden. Solche Einwánde werden uns nicht beirren; totgeschwiegen wird heutzutage schon genug. Das einzige, was wir immer abzulehnen entschlossen sind, sind schlechte Texte. Das gilt übrigens auch für schlechte Texte von guten Freunden. Im übrigen sind wir auf Kontroversen aus - wie Peter Merseburger sie in Fortführung der Fichter/Glotz-Debatte über die sozialdemokratische Ostpolitik exerziert. Wenn Walter Jens sich gegen Schádlich (in der Akademiefrage) wehren wollte, er bekáme das Wort. Und wenn jene Süd-Slawen, die gegenüber Klein-Nationalismen des Balkans kritisch geblieben sind - sagen wir Milovan Djilas aus Belgrád, Gajo Petrovic oder Predrag Vranitzky aus Zagreb, Rastko Mocnik aus Ljubljana - sich (anders als Neva Slibar) zu Peter Handkes Slowenienbuch und der Zukunft der Völker Jugoslawiens áuSern wollten, wir würden sie drukkén. Denn die Linké schleudert hin und her und muS sich rasch auf einen einigermaSen erkennbaren Kurs einigen - das geht nicht mit staatsmannischer Verdrücktheit. Der Aufstieg des Rechtspopulismus in Deutschland, Frankreich, Belgien, Österreich, Italien und anderswo ist schlimm genug. Neil Kinnocks Niederlage zeigt das Dilemma der westeuropáischen Sozialdemokratie in scharfem Licht. Martin Winter hat recht: Wir brauchen demokratischen Streit und demokratische Alternative. Ob das allerdings reicht, ist inzwischen schwer zu sagen. Schon wieder ein letzter GruS, voll wehmütiger Erinnerungen: Die letzten Gegner Hitlers sterben weg. Als gröfite Lebensleistung Max Diamants muS gelten, daL er der IG Metall eine gleichzeitig realistische und humane Auslánderpolitik verschrieben hat. Hans Matthöfer hat dem in den letzten Márztagen verstorbenen Genossen einen vielsagenden, nachdenklichen, freundschaftlichen Nachruf gewidmet. Valet. Peter Glotz