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Die Neue Gesellschaft/Frankfurter Hefte 5/1999 [antikvár]

Anke Martiny, Gernot Erler, Julia Brauch, Robert Misik

 
In der gerade erschienenen Autobiographie des grófién Komparatisten George Steiner gibt es eindrückliche Passagen über die Suggestivwirkung bedeutender akademischer Lehrer: Eine Universitat, die sich lohnt, ist ganz einfach eine, in der der Student in persönlichen Kontakt mit der Aura und der Bedrohung des Erstklassigen gebracht, in der er dafür anfallig gemacht wird. Im allerdirektesten Sinne ist dies eine Sache der Nahe, des Sehens und Hörens. ... der Gelehrte, der bedeutende Lehrer sollte ohne weiteres sichtbar sein. Wir laufen ihm...
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In der gerade erschienenen Autobiographie des grófién Komparatisten George Steiner gibt es eindrückliche Passagen über die Suggestivwirkung bedeutender akademischer Lehrer: Eine Universitat, die sich lohnt, ist ganz einfach eine, in der der Student in persönlichen Kontakt mit der Aura und der Bedrohung des Erstklassigen gebracht, in der er dafür anfallig gemacht wird. Im allerdirektesten Sinne ist dies eine Sache der Nahe, des Sehens und Hörens. ... der Gelehrte, der bedeutende Lehrer sollte ohne weiteres sichtbar sein. Wir laufen ihm taglich über den Weg. Als Folge davon ergibt sich implosive und kumulative Ansteckung. Woran liegt es, daji die beiden herausragenden Sozialwissenschaftler (und Sozialphilosophen) der Flakhelfergeneration, Jürgen Habermas und Ralf Dahrendorf, der deutschen Universitat so entfremdet worden sind? Sicher, Habermas hat in Frankfurt schliefilich Asyl erhalten. Aber lange Jahre war er Max-Planck-Direktor. Und als er, arn Ende dieser Periode, eine Honorarprofessur in München erwog, verweigerte sie ihm die dort zustandige Fakultat. Ein bemerkenswerter Vorgang: Deutschlands bekanntester (und wohl auch fruchtbarster, wirkungsvollster) Philosoph bekam nicht einmal Gastrecht auf der Kanzel. Die beamteten Prediger müssen seine Wortgewalt gefürchtet habén. Dahrendorf ging gleich ganz und gar, seine grojien akademischen Rollen spielte er in Grojibritannien als Leiter der London School of Economics und von St. Anthony's in Oxford. Ertrágt die deutsche Universitat die wenigen Charismatiker, die sie hervorbringt, nicht mehr? Beide sind bedeutende Gelehrte. Beide sind auch leidenschaftliche Intervenierer. War es nicht gestern, als Dahrendorf mit Dutschke auf der Plattform eines Lastwagens stritt und Habermas der 68er-Bewegung die vielzitierte (und irgendwann auch zurechtgerückte) Formel vom linken Faschismus entgegenhielt? Nein, es war nicht gestern. Die beiden groJien Intellektuellen, wie Gramsci gesagt habén würde, werden in diesen Monaten siebzig. Wir gratulieren. Wohin die deutsche Sozialdemokratie sich unter der Führung von Gerhard Schröder wenden wird, ist eine offene Frage. Das allerdings hat nur zum Teil mit der (auch bei uns) vielfaltig kommentierten Persönlichkeit des neuen SPD-Vorsitzenden zu tun. Einen dritten Weg? In England klingt dieser Slogan plausibel. Er meint eine Alternative sowohl zu Old Labour als auch zu Maggie Thatcher. Auf dem Kontinent denkt man bei dieser Formel zuerst einmal an Dubcek, Allende oder Enrico Berlinguer. Deren Konzepte aber sind samt und sonders gescheitert. Bisher sind neue Mitte und dritter Weg lediglich Geruchsmarken. Auch so etwas ist notwendig, zumal in Wahlkampfen. Die eigentliche Aufgabe, diejetzt bewáltigt werden muji, ist aber die programmatische Bewaltigung einer neuen Formation des Kapitalismus. Die SPD-Führung muji ihr gesamtes Betriebssystem umstellen. Es wird entscheidend werden, ob Gerhard Schröder sich Leute anbandigt, die die Partei verstehen - und trotzdem bereit sind, einen Reformprozefi vom Zuschnitt des Godesbergers einzuleiten. Einer, der diese Voraussetzungen mitbringt, ist unser Redaktionsmitglied Johano Strasser. Auf seinen Kommentár zum dritten Weg in diesem Heft weisen wir hín. Aus der aktiven Politik ist er langst ausgeschieden. Aber er bleibt ihr ein wichtiger Gesprachspartner. Peter Clotz

Termékadatok

Cím: Die Neue Gesellschaft/Frankfurter Hefte 5/1999 [antikvár]
Szerző: Anke Martiny , Gernot Erler , Julia Brauch Robert Misik
Kiadó: Verlag J. H. W. Dietz Nachfolger GmbH
Kötés: Ragasztott papírkötés
Méret: 160 mm x 240 mm
Anke Martiny művei
Gernot Erler művei
Julia Brauch művei
Robert Misik művei
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Vélemény:
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