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DIE VLÄMISCHEN MALER
Die vlämische Kunst des 17. Jahrhunderts ist die Kunst eines Mannes, dessen Persönlichkeit herrschgewaltig triumphiert, so daß wir diesem Verhältnis am besten gerecht werden, wenn wir ohne Einleitung mit Peter Paul Rubens und seiner Lebensgeschichte beginnen.
Rubens wurde im Mai oder Juni 1577 geboren. Wo: ist Gegenstand eines gelehrten Streites, der mit viel Aufwand von Scharfsinn geführt wurde. In Siegen lebten die Eltern zur Zeit seiner Geburt. Und wenn Antwerpener Lokalpatriotismus der Stadt Siegen die Ehre durchaus nicht lassen wollte, mußte eine Reise der Mutter zur Zeit ihrer Niederkunft herhalten, eine Reise in die Niederlande, eine Reise nach Antwerpen. Gründe zu solcher Reise und Anhaltspunkte dafür, daß sie stattgefunden hätte, sind entdeckt worden. Ob Siegen oder Antwerpen: der Streit geht um Gleichgültiges, da Peter Paul Rubens, wie niemand bestreitet, ein Sohn der Stadt Antwerpen ist, wo immer auch der Zufall seine Wiege hingestellt hat. Die Ahnen des Malers sind schon vor 1400 in der Scheidestadt nachweisbar, sein Vater Jan Rubens war im Dienste dieser Stadt als „Schöffe" tätig. Der Zufall aber, der Antwerpens größten Bürger in der Fremde zur Welt kommen ließ, hängt zusammen mit einer tragischen Verstrickung, durch die seine Eltern der Heimat entrissen wurden. Der Roman der Eltern, den man neugierig durchstöbert hat, bei der belanglosen Debatte über den Geburtsort des Malers, ist höchst fesselnd, und so viel Licht fällt von hier aus auf die Charaktere des Vaters und der Mutter, daß eine Wiedergabe dieses Romans in der Lebensgeschichte des Mannes nicht fehlen darf, der durch Blutzusammenhang und Erziehung die Erbschaft von solchem Vater und solcher Mutter angetreten hat.
Jan Rubens war Doktor beider Rechte und wirkte als angesehener Bürger in Antwerpen bis 1568, bis zu der gefährhchen Alba-Zeit, die ihn wie viele seiner Landsleute in den Verdacht kirchenfeindlicher Gesinnung brachte, so daß er es für geraten hielt, ins Ausland zu flüchten. Er zog nach Köln. Hier trat er in Beziehung zu Anna von Sachsen, der Gemahhn des Prinzen Wilhelm von Oranien, des ,,Schweigers", die in Unfrieden mit ihrem Gatten lebte. Rubens wurde zunächst ihr Sachwalter in verwickelten Rechtsstreitigkeiten, ihr Vertrauter und schließlich ihr Liebhaber. Ein Kind aus dieser Verbindung kam 1571 zur Welt. Im Kreise der oranischen Famihe muß aber die Empörung über die Liebschaft schon vor dem Eklat der Geburt heftig ausgebrochen sein; denn Jan Rubens wurde fünf Monate vor der Niederkunft