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Der Canal Grande, »maeister venetianitatis
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Kanäle, große und kleine Plätze, Uferstraßen, Gassen, Pflasterwege und Wasserläufe sind, um nur einige der bekanntesten städtebaulichen Formen zu nennen, die charakteristischen räumlichen Elemente, die in ihrer vielfältigen Kombination das glorreiche Gesicht der Stadt Venedig bilden.
Oft gefeiert und beschrieben, häufig durch unzutreffende Vergleiche verraten, regte Venedig seit jeher mehr als jede andere städtische Wirklichkeit zu literarischen Bildern von unterschiedlicher Qualität an. Venedig ist fruchtbarer Boden, auf dem eine üppige Bibliothek wuchern konnte, nicht selten mit verklärenden oder dilettantischen Zügen.
Ein wenig Atlantis, ein wenig Babylon, letzte, stolze Hauptstadt der Romania: Venedig läßt in den im Lauf der Jahrhunderte entstandenen Formen die eigene persönliche Geschichte erkennen, die sich in ihrem langsamen Fortschreiten tief in das einzigartige Stadtbild eingegraben hat. Dieses Bild erscheint noch heute dem, der es in seiner inneren Struktur erforscht, als die außergewöhnlichste Verbindung von Vergangenheit und Gegenwart, von Funktion und künstlerischer Form. Es ist bei Betrachtung dieser großartigen alten Urkunde, als die sich Venedig darstellt, zutreffend beobachtet worden, daß die einzelnen Monumente, auch wenn sie ihre ursprüngliche Bestimmung verloren, ihren Wert als aussagekräftige, in sich geschlossene und vollkommene Formen behalten haben. Das war vielleicht möglich, weil diese einzigartige Stadt von Anfang an nicht als natürlicher Lebensraum, sondern als künstlerische Schöpfung auf dem beweglichsten und faszinierendsten der Elemente geplant wurde: sie ist eine steinerne Schrift auf dem Wasser.
Der Canal Grande ist Bestandteil im Kreislauf dieses außergewöhnlichen Organismus und bleibt das eindrucksvolle Sinnbild für das
wunderbare Eingreifen der Kunst in die darunterliegende natürliche Wirklichkeit: er ist Ausgleich zwischen monumentaler und alltäglicher Form, eine liturgische via Sacra (heiliger Weg) und eine profane, hektisch belebte Straße zugleich; er ist die große Achse, die die eigentliche Struktur der Stadt bildet. Diese Stadt wurde in Raum und Zeit der historischen Wirklichkeit erdacht und geschaffen. Ihr liegt jedoch im Vergleich mit der Phänomenologie der anderen Städte des Abendlandes ein vollkommen außergewöhnlicher Plan zugrunde. In Wahrheit ist der Canal Grande selbst Venedig, dort entsteht in fast organischer Entwicklung die Stadt. Er prägt ihr Gesicht, dringt in alle Maschen ihres Netzes, wird mit seinen unzähligen Verzweigungen und überraschenden Verbindungen, die die städtische Oberfläche in eine Ansammlung zahlloser bizarrer, steinerner Inseln zerteilen, beinahe zum Labyrinth. Der Canal Grande ist fruchtbares Naturelement und zugleich Mutterboden der sichtbaren Strukturen, die um ihn herum im Laufe der Jahrhunderte wachsen. Seit seiner ursprünglichen Gestalt eines Wasserlaufes, der sich durch den Lagunensand windet, bringt er die Zukunft der Stadt hervor. Er greift stets wie ein Rückruf des Lebens in die Dimension des Traumes ein.
Aus der Vergangenheit sind uns wenige Straßen erhalten, die so wie der Canal Grande über komplizierte Veränderungsprozesse hinweg noch klare Zeichen ihres städtebaulichen Ursprungs tragen. Fast im Zentrum dieser Lebensader liegt der Ausgangspunkt der Stadt, der Rialto. Er ist echter und gedanklicher Knotenpunkt zwischen den Vierteln, den Warenlagern, den Palästen und den einfachen Wohnzentren, die um ihn herum seit Anfang an bestehen und sich kontinuierlich strahlenförmig immer weiter ausbreiten. Venedig entsteht über der gewundenen Spur des alten