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DAS WESEN DER PLASTIK
Die Kunst von heute scheint wie ein Mensch auf zwei Füssen zu gehen, auf einem linken Fuss, der erobert, und auf einem rechten, der bewahrt. Die beiden Tendenzen widersprechen sich nicht so sehr, als dass sie sich gegenseitig ergänzen; aber selbst ihr Widerspruch ist ein wertvoller Ansporn. Vielleicht liegt hier der Grund für die Vitalität der Kunst unseres Jahrhunderts. Zuweilen treten diese gegensätzlichen Richtungen bei ein und demselben Künstler in eine seltsame Äquivalenz, wenngleich das Gegenteil häufiger zu finden ist. Dieser Gegensatz zweier Pole enthüllt sich in seiner ganzen Tiefe, wenn man die gegenwärtige Situation der Malerei mit jener der Plastik vergleicht. Die eine öffnet dem romantischen Feuer, der revolutionären Geste, dem erregenden Reiz der malerischen Mittel immer weiter Tür und Tor, während die Plastik, selbst die der jüngsten Zeit, Ruhe und etwas Klassisches bewahrt. Ich darf hier noch einmal darauf hinweisen, dass in der Kunst der « Aufschrei » neben strenger Gebundenheit, dem « Stil » immer gegenwärtig ist. Beide scheinen sich zu bekämpfen, aber tatsächlich sind sie Kräfte ein und derselben Ganzheit.
Der «Schrei » entspricht der Eigenart der Malerei, die, der Handschrift vergleichbar, das unmittelbare Ausströmen eines Gefühiszustandes ermöglicht; die Plastik dagegen tendiert durch das Material, aus dem sie gebildet wird, zur «Schwerfälligkeit », das heisst zum Wohldurchdachten. Auf diejenigen, die den Boden urbar gemacht haben, folgen die Baumeister. Jene zerstören Altes und nehmen jungfräulichen Boden in Besitz, diese aber wohnen darauf. Ohne die ersten gibt es keine Freiheit, ohne die zweiten keine Kraft. Die Freiheit bedarf, um Neues zu finden, dieser Kraft als Ausgangspunkt, dieser festen Stütze, die sie hinter sich lässt und von der sie zum Sprung ansetzt.
Auf den ersten Blick scheint den, der wilde Phantasien seines ekstatischen Geistes in den Sand schreibt, und den, der geduldig ein Sinnbild in den Felsen meisselt, nichts Gemeinsames zu verbinden. Der Bildhauer will primär nicht erfinden, sondern