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Georg Kohler Der große Augenblick und seine Spuren
Vorwort zu einer Geschichte der Verschwendungskunst
Das nachthelle Jetzt-und-schon-Gewesen, die gleißende Plötzlichkeit, die jähe Präsenz des Feuerwerks, die das Allervergänglichste wie durch einen Riß der Endlichkeit auf das Unendliche hinzeigen läßt, die Ewigkeit im Augenblick ist es, die uns besticht und immer wieder zum Hinblicken nötigt: Kobaltblau, das den Nachthimmel von innen durchglüht, samten leuchtendes Tiefrot, Geschmeide, Libellen und funkelnde Traumvögel, Sekundenblumen in Unterwassergärten voll smaragdgrüner Kometen und sprotzender Frösche, dann diese zwei- und dreifachen Verwandlungen, da aus den golden und firmamentgroß aufschießenden Feuerwerksweiden plötzlich vielfarbige Bouquets hervorbrechen, wie nach dem Urknall sich dehnend und dehnend, jedes ein kleines Weltall für sich, man meint beim Hinsehen selbst zu wachsen, in allen Dimensionen zugleich, als habe man wie «Alice im Wunderland» soeben den Zaubertrank getrunken, bis mit einem Schlag alles zu Ende ist im Triumph eines blendend weißen Blitzgewitters.
Feuerwerksaugenblicke sind Einheitsmomente der Phantasie der Technik und der Technik der Phantasie. Für die winzige Ewigkeit eines A! oder 0! überspringen wir in ihnen die Grenzen zwischen Innen und Außen: Allmachtsglück der großen ungeteilten Zugehörigkeit und das Säuglingsstaunen im Gesicht, noch einmal da zu sein, wo alles ganz leicht wird und nichts als schimmernde Gegenwart; Weltkinder, heimgekehrt und seelenvergnügt wie der «Taugenichts» am Ende von Eichendorffs Novelle: « und von fern schallte immerfort die Musik herüber, und Leuchtkugeln flogen vom Schloß durch die stille Nacht über die Gärten, und die Donau rauschte dazwischen herauf- und es war alles, alles gut!»
Doch krachend beugt man dem unweigerlichen Erwachen vor. Den romantischen Traum ernüchtern die Böller, Kanonenschläge, Heuler, Superheuler, Mehr-fachknaller - und die «Botta a Muro», die Neapel erzittern macht und alle Bürger erblassen läßt vor Wut über Alfonso Cannavale, den Arbeitslosen, der am 12. Januar mitten in der Nacht sein Silvesterfeuerwerk nachholt und ihnen zeigt, daß er doch mithalten kann und in zwanzig Minuten Feuerwerk verpulvert für 400000 Lire, alles zu Ausverkaufspreisen gekauft, direkt von der Fabrik in San Pietro a Patierno.
Luciano De Crescenzo erzählt die Geschichte vom verspäteten pyrotechnischen Neujahrsopfer seines neapolitanischen Landsmannes; und man darf annehmen, daß er dabei nur wenig übertreibt. Neapel ist in unseren Zeiten Europas Ort der ungeschmälerten Feuerwerksbegeisterung (allenfalls Malta ist ihm ebenbürtig), und als 1987 der unvergleichliche Diego Armando Maradona den FC Napoli endlich zur ersten italienischen Fußballmeisterschaft führte, haben nicht wenige Tifosi ihre ganze Habe verkauft, um tun zu können, was absolut unverzichtbar war: das Fest zu feiern, als ob es das einzige und letzte wäre - mit der Noblesse des
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