Bővebb ismertető
L
.n Piatons »Gastmahl« erzählt Aristophanes den Mythos vom Urgeschlecht des Menschen. Einstmals, so heißt es dort, seien Mann und Frau in einem Körper vereint gewesen. Diese Menschen »waren nun gewaltig an Kraft und Stärke und waren großen Sinnes«, daß selbst die Götter sich vor ihnen fürchteten. Zeus trennte sie daher in zwei Hälften, und seitdem »ist jeder von uns das Gegenstück eines Menschen«, den er ewig suchend wiederzufinden hofft. Der tiefsinnige Mythos offenbart gleichnishaft das Sehnen des Menschen nach seinem »antwortenden Gegenbild«. Dieses Verlangen trieb Don Juan rastlos von einer Frau zur anderen - und entspringt nicht auch das Bemühen der Künstler, ein Idealbild weiblicher Schönheit zu schaffen, einem solchen Begehren? Jede Epoche gelangte dabei zu einem anderen Frauenideal, denn dem allgemeinen Stilwandel entsprechend veränderte sich der Schönheitsbegriff mit den gesellschaftlichen Umschichtungen. Daher gibt es kein Schönheitsideal von überzeitlicher Gültigkeit; selbst Albrecht Dürer, der mit leidenschaftlichem Bemühen die Idealproportionen des menschlichen Körpers ergründen zu können meinte, mußte schließlich bekennen: »Die Schönheit, was das ist, das weiß ich nicht.«
Dennoch wurde vor allem den Darstellungen der Antike immer wieder ein vorbildhafter, kanonischer Wert beigemessen. »Jene antiken Idealfiguren verkörpern eine ideal gefaßte Schönheit, ohne in abstrakte Formeln zu entgleiten. Sie sind gleich weit entfernt von der Natur wie von der abstrakten Idee; demnach liegen sie genau auf der Mitte jenes menschlichen Spannungsverhältnisses Natur-Geist. Vielleicht liegt darin das Geheimnis ihres zuerkannten absoluten Schönheitswertes« (E. Gudenrath). Die den Hellenen eingeborene Ehrfurcht vor der Schönheit des Körperlichen, die aus den herrlichen Frauengestalten spricht, beleuchtet auch diese überlieferte Erzählung: die Hetäre Phryne - die dem Maler Apelles und dem Bildhauer Praxiteles als Modell gedient haben soll - entkleidete sich beim Poseidonfest zu Eleusis angesichts des am Ufer versammelten Volkes und stieg zum Bade in die Fluten des Meeres; der Anblick des göttergleichen Weibes erfüllte die Griechen mit heiligem Schauer, sie glaubten, die »Aphrodite Anadyomene«, die »Schaumgeborene Venus«, offenbare sich ihnen in ihrer erhabenen Schönheit.
Dieser sinnenfreudigen, schönheitstrunkenen Daseinswelt der Antike, die in der Gestalt der Göttin Aphrodite das Idealbild weiblicher Vollkommenheit erstehen ließ, folgte unter der Herrschaft des Christentums eine Epoche, die im Körperlichen das Verächtliche, mit der Sünde Behaftete erblickte. Obgleich die neue Glaubenslehre allen Menschen die göttliche Erlösung verheißen hatte, wurde sehr bald der urchristliche Gedanke der religiösen Ebenbürtigkeit der Geschlechter aufgegeben. Das asketische Glaubensideal, das als höchstes Ziel die Ehelosigkeit und Virginität predigte, machte die Frau geradezu zum Urbild des Bösen, zur Inkarnation der Sünde. Und da alles Streben, Denken und Fühlen inbrünstig auf die Über-