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Vorbemerkung
In der Schweiz gedachte man 1989 in Erinnerung an den Kriegsausbruch 50 Jahre zuvor der militärischen Leistungen der Aktivdienst-Generation. Als man sich sechs Jahre später dann auch das Kriegsende in Erinnerung rief, da stand eine ganz andere Frage im Vordergrund: die Frage nach der Schuld, die sich die Schweiz in jenen Jahren mit ihrer Flüchtlingspolitik aufgeladen hatte. Der Bundesrat entschuldigte sich flir die inhumane Flüchtlingspohtik und tat damit etwas, was je nach Standpunkt fäUig oder längst überfällig war. Damals herrschte jedenfalls die Meinung vor, daß ein Kapitel, ein dunkles und trauriges, wie man zu sagen pflegt, abgeschlossen sei — mit einem Eingeständnis zwar, aber ohne weitere Konsequenzen. Was 1995 mit den verschiedenen Erklärungen als Schlußakt gedacht war, erwies sich schon ein Jahr später jedoch eher als Auftakt. Zunächst hatte es zwar so ausgesehen, als ob in den Jahren nach 1989 die Nachkriegszeit und mit ihr der Zweite Weltkrieg definitiv zu Ende gegangen sei. Es trat jedoch das Gegenteil ein: Die Geschichte dieser Epoche verflüchtigte sich nicht, sondern meldete sich - zum Teil gerade wegen der Verflüchtigungsgefahr - wieder zurück. Das reviual dieser Zeit hatte aber auch ganz spezifische Gründe: Vertreter jüdischer Interessenorganisationen sorgten mit dem offenbar nötigen Druck dafür, daß die Frage der noch nicht bezahlten Schulden und - damt verbunden - der noch nicht eingestandenen Schuld erneut zu einem Thema wurde, nachdem entsprechende Versuche früherer Zeiten nicht die wünschbaren Ergebnisse gebracht hatten. Sie drängten mit einem erhöhten Verbindlichkeitsanspruch darauf, daß die Erinnerung der Opfer, soweit dies überhaupt möglich ist, in die Erinnerung der Täter und der Zuschauer integriert werden müsse.
Die als Erinnerung auftretenden Vorstellungen von Vergangenheit sind bekanntlich geprägt vom persönlichen Erleben und von der spezifischen SensibiUtät der sozialen Gruppen. So waren die in den Jahrzehnten vor 1989 warm und wach gehaltene Vergangenheit und die nach 1989 sich meldende Vergangenheit nicht die gleichen. Im einen Fall handelte es sich um die Vergangenheit und das entsprechende Geschichtsbild der Staatenwelt und der großen Mehrheiten; im anderen Fall um die Vergangenheit und das Geschichtsbild von Individuen und der kleinen Minderheiten, insbesondere der der Vernichtungsmaschinerie des Dritten Reichs ausgesetzten jüdischen Minderheit.
Warum, so fragen sich viele, werden die Ansprüche der Verfolgten und