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Teil I: Das Geschlechtsleben
Allgemeine und medizinische Anthropologie des Geschlechtslebens
Von
Prof. Dr. med. Dr. phil. Freiherr von Gebsattel, Würzburg
I. Die Anthropologie und der Unterschied der Geschlechter Die Aufspaltung des Menschengeschlechtes in Mann und Weib, scheinbar das Grundproblem einer Anthropologie des Geschlechtslebens, ist in Wahrheit ihr noli me tangere. An fein- und tiefsinnigen Bemerkungen, welche die Polarität von Mann und Weib zum Anlaß nehmen, fehlt es nicht, gerade nicht im Schrifttum der Neuzeit. Erinnert sei an die schöne Studie von W. v. Humboldt [1]; ferner an die unerschöpfliche Quelle der Romanliteratur aller Völker, an die verstreuten Aphorismen der „Moralisten", inklusive Flaubert und Nietzsche, schließlich an die verdienstvolle, typologische Studie von P h. L e r s c h [2]. Nie wird das menschliche Sinnen aufhören, um das Geheimnis dieses urangfänglichen Gegensatzes zu kreisen; nie allerdings werden sich die Wurzeln der Schöpfung selber bloßlegen lassen. Näher als alle physiognomischen und typologischen Formulierungen hält sich an diese Wurzeln die alte chinesische Schau; obschon die Aufspaltung der vorkosmischen Urpotenzen in Yang und Yin eigentlich nichts Bestimmtes aussagt, so als hätten die Weisen der Vorzeit gewußt, daß es sich hier um Gegebenheiten, nein, um Wirksamkeiten handelt von solcher Mächtigkeit, daß alle definitorischen Annäherungsversuche nur dies erweisen, daß sie nicht anlangen.
So wahrt das Geheimnis sich selber; denn es will nicht erkannt, es will gelebt werden. Spielregel für den Wandel der untermenschlichen Welt, legt es den Grund auch für die numinosen Fundamente der menschlichen Natur. Solche Spielregeln wehren den voreiligen Frager ab, auch dann, wenn er sich als Anthropologe ausweist, nein, dann erst recht. Es sind nicht die Gottlosesten, welche des Glaubens sind, die adäquateste Form ihrer Gottverehrimg bestünde darin, Ihm den Rücken kehrend, von der Blickfesselung durch Ihn sich frei zu machen, um in der Willensrichtung Seines Auftrages gleichsam von Ihm weg — in Wahrheit auf ihn zu — sich zu bewegen. So sind es vielleicht gerade die Liebenden, welchen keine Zeit bleibt, über die kosmischen Wurzeln des liebenden Daseins nachzudenken, weil der im Vollzug noch unvollziehbare, der unendlich sich erneuernde Ausgleich zwi-
X Giese, Sexualität