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Zeichnende Propheten - gibt's die?Das Schöne an der Zukunft ist, daß man nie mit Sicherheit sagen kann, was sie bringt.Wenn Sie 1970 einem Journalisten, Meinungsforscher, Politiker oder irgendeinem anderen professionellen Besserwisser gesagt hätten, daß der kriegerische Sadat den Friedensnobelpreis erhalten werde oder daß jener Bruno Kreisky, der eben eine wackelige Minderheitsregierung gebildet hatte, ein ganzes Jahrzehnt lang österreichischer Bundeskanzler bleiben werde, er hätte Sie ausgelacht.Der Karikaturist kann solche Prophezeiungen machen, denn es ist sein Job, ausgelacht zu werden. Daß er dabei der Wahrheit näher kommt als andere Propheten, ist Zufall und doch wieder keiner.Zufall ist es, weil er seine Deutung nicht im festen Glauben macht, daß alles tatsächlich so eintreten könnte, wie er es aufzeichnet, sondern weil es ihm lachhaft erscheint. Kein Zufall ist es, weil gegenwärtig die Zukunft eben so absurd ist, daß sie dem unernsten Betrachter eher gerecht wird als dem ernsten.Wenn der Karikaturist den bundesdeutschen Ostpolitiker Willy Brandt und den sowjetischen Doktrinär Alexej Kossygin einen gemeinsam gepflanzten Zweig mit stolzem Blick betrachten läßt, so wirkt das im Jahre 1970 komisch, weil kein Mensch ernsthaft an eine Zusammenarbeit zwischen Westdeutschland und dem Ostblock glauben kann. Auch der Karikaturist nicht. Er macht sich lustig.Zehn Jahre vergehen und die Ostpolitik der Sozialdemokraten ist längst nicht mehr absurdes Welttheater, sondern handfeste Realität. Betrachtet man jetzt die Karikatur von damals, so hat sie plötzlich einen anderen Stellenwert. Sie ist gar nicht mehr so komisch. Man schmunzelt zwar, aber man sagt sich auch: Da schau' her, damals hat der das schon g'wußt!" Der Karikaturist ist plötzlich Prophet. Ein Prophet wider Willen.Ähnlich könnte es uns eines Tages mit des Karikaturisten Vorschau auf die achtziger Jahre" gehen. Kühe, Hunde, Katzen und Bauern mit Gasmasken, Blumen unter der Käseglocke, geschützt vor dem, was unsere Überflußgesellschaft so an Uberflüssigem in die Luft qualmen läßt. Zum Lachen. Aber wie wird man diese Zeichnung sehen, wenn man in 20, 30 oder weiß Gott wieviel Jahren dieses Buch aus einem verstaubten Bücherregal herauskramen und durchblättern wird?Daß der politische Karikaturist in seinen Vorhersagen mitunter auch fest danebengreift, ändert nichts an seinem Propheten-Image. Prophet ist man immer nur dann, wenn das Vermutete auch tatsächlich eintritt. Tut es das nicht, wird es nicht registriert. Es gibt kein Gegenteil von Prophet.