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Tibor ErényiDIE SOZIALDEMOKRATISCHE PARTEI UNGARNS UND DIE AUSSENPOLITIK DER ÖSTERREICHISCHUNGARISCHEN MONARCHIE IN DEN JAHREN 1908-1914Bis zur Jahrhundertwende hat sich die sozialdemokratische Arbeiterbewegung Ungarns mit Fragen der Außenpolitik sozusagen überhaupt nicht befaßt. Den Grund hierfür müssen wir teils in den mit dem Stadium der Herausbildung zusammenhängenden Schwierigkeiten, in der Schwäche der Bewegung, teils in der Revolutionstheorie der damaligen Sozialdemokratie suchen. Bekanntlich hat die ungarländische sozialistische Bewegung den geistigen Anstoß in bedeutendem Maße von der I. Internationale erhalten, die mit der ersten ungarländischen sozialistischen Organisation, dem im Jahre 1868 gegründeten Allgemeinen Arbeiterverein (Altalános Munkásegylet), in ständiger Verbindung stand. Diese feste internationale Verbindung wird auch durch den Umstand bewiesen, daß die im Jahre 1880 gegründete Ungarländische Allgemeine Arbeiterpartei, die auf ihrem Parteitag im Jahre 1890 den Namen Sozialdemokratische Partei Ungarns angenommen hat, zu den Gründungsmitgliedern der II. Internationale gehörte.In der Sozialdemokratischen Partei Ungarns war ebenso wie in der ganzen von Marx inspirierten internationalen sozialistischen Bewegung am Ende des 19. und noch zu Anfang des 20. Jahrhunderts allgemein die Auffassung verbreitet, daß der allgemeine Zusammenbruch des Kapitalismus in relativ kurzer Zeit erfolgen werde. Die Sozialisten haben erwartet, daß mit der Abschaffung des Privateigentums und Enteignung der Produktionsmittel die nationalen Unterschiede und Gegensätze verblassen und schließlich völlig verschwinden. Die bestehenden Staatsrahmen und Machtgruppierungen haben sie gleicherweise als Attribut der Klassenherrschaft betrachtet und in ihren Grundlagen verworfen. In ihren außenpolitischen Kundgebungen haben sie sich mit betonter totaler Negation und dem Hinweis auf die relativ nicht mehr fernen sozialistischen Verhältnisse begnügt. Diesen Hinweisen entsprechend haben sie sich in innerpolitischer Relation auch mit der Frage NationNationalitäten befaßt, wobei hervorgehoben wurde, daß diese nur einen stark untergeordneten Charakter habe, während die Bedeutung der Klassengegensätze betont wurde.Diese Lage hat sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts allmählich geändert. Die erwartete allgemeine soziale Umgestaltung, der Zusammenbruch der kapitalistischen Ordnung sind nicht eingetroffen. Zu gleicher Zeit wurden die bekannten Charakterzüge der Entfaltung des Imperialismus immer mehr sichtbar. In den verschiedenen sozialdemokratischen Erklärungen erhielten nunmehr die Machtpolitik, die Verurteilung des Nationalismus, die Verkündung des Antimilitarismus größere Bedeutung.Daß die außenpolitischen (und die damit zusammenhängenden) Fragen in den Vordergrund geraten sind, hatte außer den erwähnten auch einen anderen Grund. Die außenpolitischen Verbindungen der einzelnen Staaten übten einen großen, doch nur mittelbar fühlbaren Einfluß auf das tägliche Leben der