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Vo rwort
Das Grundwerk der westeuropäischen Gesellschaftslehre hat der französische Geschichtsphilosoph und Soziologe Auguste Comte in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts geschrieben. Es ist in sein philosophisches Lebenswerk: „Cours de philosophie positive" eingebaut und bildet zugleich dessen Krönung. Durch dieses Werk konstituierte sich die Soziologie als Wissenschaft. Jeder, der das Problem der modernen Gesellschaft im Zusammenhang mit ihrer Vorgeschichte wissenschaftlich erfassen will, muß darauf zurückgreifen. Auch der Gegner der allgemein philosophischen Einstellung Comtes muß um der gesellschaftswissenschaftlichen Fragestellung willen sich wenigstens mit dem soziologischen Teil der „Positiven Philosophie" auseinandersetzen. An diesem Brennpunkt abendländischen wissenschaftlichen Denkens ist die Selbsterkenntnis der menschlichen Gesellschaft und Geschichte in unerhörter Weise verdichtet. Die Einseitigkeit eines fruchtbaren Prinzips verbindet sich hier mit der Universalität eines genialen Geistes zu einer Leistung von phantastischer Höhe.
Comte wollte seine Lehre zur Grundlage eines Volksunterrichts der ganzen Menschheit machen. Aber die Ausdehnung seines Werks, die für den Leser schwierigen Voraussetzungen und auch der im Original sich oft mühsam vorwärtsbewegende, zähe Stil hinderten die Erfüllung dieses Wunsches. Das Glück wollte es, daß sich verständnisvolle Freunde fanden, die imstande waren, das Werk in allgemeinverständlicher Form zu verbreiten. Emile Rigolage hat unter dem Decknamen J. Rig die sechs Bände des „Cours de philosophie positive" in zwei so zusammengezogen, daß kein wesentlicher Gedanke ausblieb und kein fremdes Wort eindrang. Die Zusammenfassung von Rig hat in den Jahren 1882/83 der durch zahlreiche Übersetzungen philosophischerTexte bekannte Schriftsteller A. Kirchmann ins Deutsche übertragen. Kirchmann vermochte, besonders im soziologischen Gehalt, nicht immer seinem Original zu folgen. Er hielt sich zu eng an die fremdsprachliche Denkform. Trotzdem beschloß der Herausgeber dieser neuen Ausgabe, von dem Kirchmannschen Text auszugehen. Aber jede Seite mußte aus der Perspektive des besonderen soziologischen Gesichtspunkts überprüft und in der Form unserem heutigen Sprachgefühl gemäß umgestaltet werden.