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EINLEITUNG
Solange ich mich erinnern kann, haben mich die Formen des Gesteins, der Pflanzen und der Tiere unwiderstehlich angezogen. Ich habe mich in diese Formen vertieft - nicht mit dem Auge des Künstlers, sondern mit dem Auge des Architekten und Ingenieurs, den in erster Linie Struktur, Aufbau und Funktion interessieren. Ich habe Gestein, Pflanzen und Tiere gesammelt, sowohl in ihrem Naturzustand als auch als Fotografien, und habe im Laufe der Jahre eine Fülle von Material zusammengetragen, von dem ich glaube, es sollte andere Menschen ebenso interessieren und zum Nachdenken anregen wie mich. Vor rund zehn Jahren -1956 in Amerika und 1957 in Deutschland - veröffentlichte ich eine Sammlung meiner Natur-Fotografien in Buchform„Das Antlitz der Natur". Das Buch ist jetzt vergriffen. Ich habe mich jedoch weiter mit den funktionellen Formen der Natur besdiäftigt und so viel neues Material angehäuft, daß ich eine revidierte Ausgabe meines „Antlitzes" für gerechtfertigt halte. Daher habe ich aus allen meinen Natur-Fotografien eine kritische Auswahl getroffen und zu einer Bildsammlung vereinigt, von der zweiundsiebzig Prozent bisher niemals von mir veröffentlicht worden sind. Diese Arbeit lege ich nun in zusammenfassender Form in diesem Buche vor.
Ich bin kein Wissenschaftler, sondern ein Fotograf. Aber ich glaube, man braucht nicht Wissenschaftler zu sein, um die unendlich reichen und geheimnisvollen Erscheinungen der Natur zu würdigen und zu genießen und sie - soweit das überhaupt möglich ist - zu verstehen. In vieler Hinsicht gleichen die Wissenschaftler den Entdeckungsreisenden und Neulanderoberern. Sie kämpfen an den Grenzen des Wissens um die Fakten, die unerläßlich sind, um unsere Einsicht in die Welt der Natur zu vertiefen. Und die meisten, wenn nicht gar alle ihrer Errungenschaften wurden und werden von begab-
ten Sachbuchautoren interpretiert und in eine jedermann verständliche Sprache übertragen. Der Wissenschaft selbst wohnen ja keine Mysterien inne, wohl aber den Phänomenen, die von der Wissenschaft erforscht werden. Viele Leute sind in dem Irrtum befangen, es sei die Aufgabe des Wissen-schafders, ihnen das Walten der Natur zu „erklären".
Wissenschafrier sind in erster Linie Beobachter und Entdecker von Fakten; sie beschreiben, „erklären" aber wenig oder nichts. Obgleich Wissenschaftler mit höchster Präzision die Frequenzen der elektromagnetischen Strahlung zu messen vermögen, die wir als Farbe wahrnehmen, können sie nicht bis ins letzte erklären, wie das Farbenempfinden im Gehirn zustandekommt. Ebensowenig sind die psychologischen Effekte von Farbe oder der Genuß, den uns Farbharmonien, Musik oder Kunstwerke bereiten, erklärbar. Wir begreifen mit dem Verstand, aber wir genießen gefühlsmäßig - wir empfinden. Verhältnismäßig wenige Menschen verstehen, soweit dies überhaupt möglich ist, die Farbenphysik, aber die meisten werden von der Schönheit eines im Sonnenuntergang flammenden Himmels ergriffen. Wenige Menschen sind genügend geschult, um die strukturelle Schönheit einer Symphonie zu würdigen, aber nahezu jeden Menschen erfreut Musik. In diesem Sinne - durch Gefühl und Neigung - versuche ich in diesem Budi dem Leser einige der Wunder zu zeigen, von denen er umgeben ist.
Das Thema dieses Buches ist nicht „Schönheit", sondern die wechselseitige Beziehung von Struktur, Funktion und Form. Viele Bildbände sind geschaffen worden, die uns davon überzeugen wollen, daß die Natur schön ist. Aber die in diesen Büchern betonte Art von Schönheit ist meiner Ansicht nach nur eine Pseudo-Schönheit - Schönheit als bloßes Ornament ohne Beziehung zum Zweck erlebt, Schönheit nach anthropomorphischen Begriffen gemessen. Die Natur ist niemals nur in diesem Sinne schön. Wenn Dinge in der Natur schön sind, so hat das seinen Grund. Die Natur ist vor allem praktisdi, sogar praktischer als der Mensch. Ihre Formen sind, von der Notwendigkeit her