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22Tests zur Gesinnungsprüfungvon Franziska Baumgarten-Tramer, BernINach dem Siegeszug der Intelligenzprüfungen lag es nahe, daß die Psychologen die Frage aufwarfen: Kann man auch den Charakter des Kindes und des Jugendlichen mit Hilfe der Tests prüfen? Um diese Frage zu beantworten, stand man nunmehr vor der Aufgabe, geeignete Prüfmittel zu ersinnen.Diese Aufgabe, die sich anfangs dieses Jahrhunderts plötzlich stellte, erwies sich jedoch als sehr schwierig. Um möglichst schnell ans Ziel zu gelangen, stellte man Kindern und Jugendlichen zuerst einmal Fragen, deren Beantwortung einen Schluß auf die ethische Einstellung der Befragten ermöglichen sollte. (Wohl die erste Arbelt dieser Art stammt von L. Anfosso: Das Ehrbarkeitsgefühl bei den Kindern. Zu derartigen Fragen gehörte z. B. folgende:Wenn du fünf Mark findest, was wirst du damit anfangen?Die Antworten der Schulkinder lauteten:Der Polizei abgeben. Der Mutter, dem Lehrer, dem älteren Bruder (Schwester) geben. Behalten und mir etwas dafür kaufen.Die beiden ersten Antworten kamen häufiger vor als die letzteMit Recht wurde derartigen Versuchen vorgeworfen, sie verführten die Kinder, denen das moralische Verbot, sich gefundenes Gut anzueignen, wohl bekannt war, dazu, sich besser zu machen, als sie In Wirklichkeit waren. Man hat daher auf derartige Fragen als Prüfmittel sehr bald verzichtet.Andere Versuche dieser Art bestanden In der Forderung, eine Definition der Begriffe aus der Sphäre der sittlichen Werte zu geben. Man stellte Fragen wie: Was ist Güte? Gerechtigkeit? Treue? Lüge? Auch hat man die moralische Gesinnung durch Fragen zu ermitteln gesucht: Hast du schon jemandem geholfen? Hast du gelogen? Warum Ist stehlen verboten? Damit sollte der Grad des Verständnisses für moralische Werte erfaßt werden. In dieser Weise betätigten sich Cymbal, Ziehen, Reichenbach, Levy-Suhl, F. Baumgarten, Charlotte Bühler, u. a. m. Eine originelle Variation solcher Befragung unternahm M. T r a m e r , Indem er den Prüfling in die Rolle dessen versetzt, der einen jüngeren zu belehren hat, warum man nicht lügen, stehlen etc. darf \' P. V. Gizycki: Wie urteilen die Kinder über Funddiebstahl? Zt. f. Kinderforschung, 1903, H. 8. P. Riebesell: Untersuchungen über das Moralitätsalter. Zt. f. pädagogische Psychologie, 1917.^ S. hierzu H. Sander: Die experimentelle Gesinnungsprüfung. Ihre Aufgabe und Methodik. Zt. für angewandte Psychologie, 1920, und J. Palluch: Die sittliche Einsicht männlicher schulentlassener Fürsorgezöglinge Zt. für angewandte Psychologie, 1928 (reiches Literaturverzeichnis).' M. Tramer: Lehrbuch der allgemeinen Kinderpsychiatrie, Basel, 1949, 3. Aufl., S. 143.