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I. Kapitel
Jedes Wort der Briefe kannte Saphira auswendig. Sie zog das Bündel unter ihrem Kopfkissen hervor. Küßte es. »Guten Morgen, Liebster. Guten Morgen, Tarn.« Wieder hatte sie von ihm geträumt. Es half, wenn die Briefe unter dem Kopfkissen lagen, wenn sie vor dem Einschlafen ihre Fingerspitzen auf das Pergament legte und sich darauf bettete. Die Erinnerungen an den heutigen Traum flatterten wie samtweiche Falter durch ihren Kopf: Umarmungen, Geständnisse, Blicke, ein Kuß. Nie hatten sie sich geküßt bisher. Würde es sein wie im Traum?
Sie seufzte. Noch im Bett sprach sie das Morgengebet: »Ich danke dir, lebender König, daß du mir voller Erbarmen meine Seele zurückgegeben hast, denn deine Treue ist groß.« Sie stand auf. Die Sonnenflecken wärmten ihre Füße. An den Fußsohlen blieben Sandkörnchen und kleine Steine haften, sie hatte ihr Zimmer lange nicht gefegt. Der Krug stand bereit. Dreimal übergoß sie sich die rechte, dreimal die linke Hand mit Wasser.
Es roch nach angebranntem Haferbrei. Sonntag. Vater hatte sich selbst das Frühstück gerichtet. Er achtete den Glauben der Christen und verbot daher den Mägden, an diesem Tag zu arbeiten. Saphira hatte ihm schon ein dutzendmal erklärt, daß die Christen ihren Ruhetag nicht so streng beachteten wie die Juden, aber er antwortete stets, sie versuchten auf ihre Weise Gott zu ehren, und es sei seine Pflicht, das zu würdigen. Wie sonst solle er erwarten, daß die Christen auch ihm das Ausüben seines Glaubens ermöglichten? Ein alter Jude, der sich Haferbrei kochte. Er gelang ihm selten.