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ZU DIESEM BUCH
Mit dem Tode André Gides am 19. Február 1951 verlor die moderne französische Literatur eine widerspruchsvolle aber überragende Persön-liclikeit. Auf der Höhe seines Ruhmes hatte man Gide 1947 den Nobel-preis verliehen. Der «kühne Experimentator auf dem Gebiet des Ro-mans, Bekenner und Morálist von Geblüt», als den ihn Thomas Mann in einem Nachruf ehrte, wurde am 22. November 1869 als Sohn eines Hoch-schulprofessors in Paris geboren, verlor mit elf Jahren den Vater und war von der Mutter strengglaubig erzogen worden. Sein 1891 auf eigene Ko-sten gedrucktes Jugendwerk «Les Cahiers d'André Walter» und ein 1892 erschienener Band Gedichte erschlossen ihm den Sálon Mallarmé's und damit die Kreise der Symbolisten. Auf einer zweijáhrigen Nordafrikareise machte er die für ihn schicksalhafte Bekanntschaft mit seinem spateren Freund Oscar Wilde. Der glaubige Protestant Gide wurde zum Anbeter sinnlicher Schönheit. In einem ironischen Epitaph, den 189; erschienenen «Sümpfen», verwarf er die ihm anerzogenen Ansichten. Seinem neu er-worbenen Lebensgefühl verlieh er sinnlich-hymnischen Ausdruck in dem Band «Uns nahrt die Erde» (1897), seinem asthetischen Immoralismus in «Der Immoralist» (1902). 1909 wurde er Mitbegründer der berühmten «Nouvelle Revue Fran$aise». Hier entdeckte er unter anderen Alain-Fournier, Cocteau, Roger Martin du Gard, Jules Romains, Jean Girau-doux. lm Jahre ihrer Gründung war Gide mit seiner «Engen Pforte» der erste grofie Bucherfolg beschieden. Nach Jahren des Reisens erschienen 1914 die hier wieder vorliegenden «Verliese des Vatikan», die ihn zum erklarten Propheten der Jugend machten, wahrend er von seinen Geg-nern zugleich damit als ihr Verführer gebrandmarkt wurde.
In halt: In diesem burlesken Román, der sich oft zur unheimlichen Gesellschaftssatire steigert, erscheint der Mord, den Lafcadio, der junge Held des Buches, begeht, um sich seine Freiheit zu beweisen, als der ein-zige moralische Akt. Das Haupt der christlichen Hierarchie, der Papst, wird, wie von abenteuerlichen Hochstaplern vorgegeben, gefangengehal-ten und sein hohes Amt zynisch mifibraucht. Ungefahrdete Ehrenhaftig-keit verachtend, la/it Gide es im Schicksal Lafcadios offen, ob die Liebe den Mörder zum rechten Leben zurückführt.
1919 erschien seine spater erfolgreich verfilmte «Pastoralsymphonie» und 1926 sein Meisterwerk «Die Falschmünzer (rororo Band Nr. 208), in dem er die Antinomie des Daseins, die Gegensatze von Fleisch und Geist, Person und Gesellschaft, Kunst und Wirklichkeit, in unübertroffener, fast musikalischer Architektur gestaltet. Sein Leben stellt sich uns in dem autobiographischen Werk «Stirb und Werde» und in den Tagebüchern und Briefwechseln, über die ein ganzer Kosmos literarischer Zeitgenos-sen wandelt, aufs intimste in allén Konflikten dar.
Literatur über Gide: E. R. Curtius: Die literarischen Wegbereiter des neuen Frankreich, 1920; L. Schreiber: Leben und Denken im Werk von André Gide, 1933; M. Hofmann: Der Morálist André Gide, 1934; K. E. Seidenzahl: Darstellung und Kritik der französischen Gesellschaft bei André Gide, 1937; M. Sdiappi: Wesen und Formen der Selbstdar-stellung im Jugendwerk André Gide's, Diss. Basel 1941; K. Mann: André Gide, die Geschichte eines Europáers, Züridi 1948; H. Uhlig: André Gide, 1948; P. Berger: André Gide, Mensch und Werke, 1949; Bongs: Das Antlitz André Gides, 1953.