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I. KAPITEL
Es gibt sonderbare Verbrechen. Die Polizei muß tatenlos zusehen, wie ein Opfer nach dem anderen umgebracht wird; die stets gleiche Vorgeschichte weist auf den stets gleichen Täter - und doch lassen sich die verschlungenen Fäden, die von einem Mord zum anderen fuhren, nicht entwirren. Der Fall Roger Bewiay war ein typisches Beispiel dieser Sorte.
Miß Angela Phipps, eine nicht mehr ganz jugendfrische Dame Mitte dreißig, Tochter eines Geistlichen, jedoch schon lange verwaist, schlenderte an einem schönen Septembermorgen des Jahres 1930 über die Strandpromenade von Bournemouth. Eine kürzlich verstorbene Tante Miß Angelas hatte den guten Einfall gehabt, ihrer Nichte eine Erbschaft zu hinterlassen, die zwar nicht groß war, aber doch genügte, um Miß Angela in dem Entschluß zu bestärken, das undankbare Amt einer Erzieherin aufzugeben und sich ein bißchen in der Welt umzusehen.
Nach den Bildern zu urteilen, die von Miß Phipps vorliegen, war sie nicht häßlich. Sie wird als lustiges Geschöpf mit braunen Haaren und blauen Augen geschildert, das erpicht darauf war, das Leben zu genießen, wenn auch natürlich in den engen Grenzen, die einer Dame in dieser Hinsicht gesetzt sind. Und so war die brave alte Tante schuld, daß Angela Phipps es sich leisten konnte, über die Strandpromenade von Bournemouth zu spazieren, dort Roger Bewiay und durch ihn ein kurzes Glück mit anschließendem bitterem Ende kennenzulernen.
Es wäre falsch zu behaupten, daß es einem Fremden doch schwer gefallen sein müsse, diese Pfarrerstochter mit dem makellosen Lebenswandel in seine verderbenbringenden Netze zu locken. Im Gegenteil. Denn in der sittenstreng erzogenen Dame glomm außer der heimlichen Sehnsucht nach romantischem Erleben auch ein beachtenswerter Funken Leidenschaft. In einem solchen Fall kommt es nur auf die psychologisch richtige Annäherung an, und in diesem Punkt kannte sich Roger Bewiay aus. Er sprach die junge Dame mit einem Ton und einem Gesichtsausdruck an, die verrieten, daß er kaum hoffte, angehört zu werden. Die Berechnung erwies sich als richtig: Miß Angela Phipps' Widerstand schmolz wie Wachs an der Sonne.
Drei Tage später war es dem überlegenen, in ruhiger Art höflichen Fremden mit dem bezaubernden Lächeln gelungen, Miß Angela in einen solchen Strudel der Erregung zu reißen, daß sie ihrem Vermögensverwalter nur noch mit zitternder Hand schreiben konnte. Vierzehn Tage später wurden Miß Phipps und Mr. Bewlay in London auf dem Standesamt getraut, und Mr. Bewiay entführte seine junge Frau nach Sussex, wo er in der Nähe von Crowborough ein sehr hübsches Landhäuschen gemietet hatte. Die Nachbarn sahen die junge Frau manchmal während des Honigmondes mit vom Glück rosig überhauchten Wangen. Ein Zeitungsjunge beobachtete sie einmal, wie sie gegen Abend das welke Laub vom Pfad vor dem Haus wegkehrte.
Und das war das Letzte, was man von ihr zu Gesicht bekam.
« Meine Frau undich müssen nach London zurück», anvertraute Mr. Bewlay leutselig dem Bankbeamten hinter dem Schalter. «Als wir uns hier niederließen, eröffneten wir bei Ihnen doch ein Konto, nicht wahr ? Auf unser beider Namen ?»
«Allerdings, Mr. Bewlay, das stimmt», versicherte der Bankbeamte zuvorkommend.
«Eben. Wir wollen es auflösen. Ach, die Frauen!» setzte Mr. Bewlay lachend hinzu, und der Mann hinter dem Schalter wußte, was sich einem Kunden gegenüber gehört, und stimmte verständnislos, doch eifrig ein. «Jetzt hat sich meine Frau plötzlich in den Kopf gesetzt, sie möchte eine Amerikareise machen. Ich bin zwar bis jetzt noch nicht geneigt, nachzugeben, aber es ist besser, das Geld flüssig zu haben. Dies ist die Unterschrift meiner Frau, unter meiner.»
Die Miete des Häuschens war bezahlt, ebenso alle Rechnungen, und Mr. Bewlay verließ an diesem Abend mit dem Wagen - und wie jedermann annahm in Begleitung seiner Frau - die Gegend. Niemand fiel es ein, argwöhnische Vermutungen anzustellen; kein Verbrechen schrie gen Himmel, und - was viel erstaunlicher ist — nirgends wurde die Spur einer Leiche gefunden.
Erst zwei Jahre später tauchte Roger Bewlay wieder auf. Während eines Konzerts des Londoner Philharmonischen Orchesters in Queen's Hall saß er in einer Loge neben Elizabeth Mosnar.
Elizabeth war schlank, blond, künstlerisch interessiert, sehr ernst und zweiunddreißig Jahre alt. Wie Angela Phipps besaß sie etwas eigenes Vermögen, das ihr gestattete, ihre Zeit mit Klavier-