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EINLEITUNG
D
ie Idee der Nachfolge Christi tritt vor jeden einzelnen seiner Jünger mit der unmittelbaren Forderung, daß er sie, entsprechend seinen persönlichen Anlagen und im Eahmen des Berufes oder der Stellung, die ihm Gottes Vorsehung gegeben hat, fort und fort zu verwirklichen trachte. Nun aber entfaltet sich das religiös-sittliche Leben eines jeden Menschen innerhalb eines dreifachen Beziehungskreises, in dessen Mittelpunkt jeweilig Gott, er selbst und der Nächste stehen. Innerhalb dieser dreifachen Bezogenheit verläuft auch das übernatürUche Leben des Christen, das ja grundsätzlich auf dem natürlichen Leben, wie es Gott gewollt und in seiner Schöpfungsordnung verwirklicht hat, aufbaut. Darum ist der Aufriß der Verwirklichung der Nachfolge Christi nach den drei genannten Pflichtenkreisen der von der Erscheinungswelt des Sitthchen von selbst und ungezwungen gebotene^. Hier liegt daher auch die Aufgabe, die der Jünger des Herrn in der Nachfolge des Meisters aus seinem Geiste heraus und nach seinem Vorbilde in schöpferischer Nachfolge zu lösen hat. Die erste und grundlegende Bezogenheit ist nun die auf Gott, der Ursprung und Ziel, Inhalt und Aufgabe alles religiösen und sittlichen Lebens ist und so Eeligion und Sittlichkeit von Ursprung und Wurzel her zu einer untrennbaren Einheit zusammenfügt. Das natürliche wie das übernatürliche Leben, das er seinen Kindern geschenkt hat, fordert er von ihnen in persönlicher Erfüllung und Lösung zurück: Er ist für jedes einzelne Gotteskind der in verschwenderischer Güte schenkende, aber auch der in richtendem Ernst fordernde Gott. Alle Pflichten gegen Gott gipfeln aber nach der Lehre des Herrn in dem Gebote der Gottesliebe aus ganzem Herzen, aus ganzem Gemüte und aus allen Kräften. In der zweiten Bezogenheit, nämhch auf sich selbst, wird sich der Christ des religiös-sittlichen Besitzes bewußt, den Gott in seine Hände gelegt hat. Hier sieht er die verschwenderische Fülle der leiblichen, geistigen und religiösen Güter, die er empfangen hat, erkennt er ihren Wert und die in ihnen enthaltenen Sinngehalte und Forderungen, erblickt er in Ergriffenheit und Verantwortlichkeit die Verpflichtung, sie nach dem Willen Gottes zu pflegen, mit dem Geiste Christi zu erfüllen und sie der Ehre Gottes und dem Ziele seiner persönlichen Vollendung in Gott dienstbar zu machen. Im Gebote der christlichen Selbstliebe haben alle diese Aufgaben, Forderungen und Pflichten einen umfassenden Ausdruck gefunden. Aus der dritten Bezogenheit zum Nächsten entspringen in fast unübersehbarem Reichtum und in immer neuen For-
' Vgl. Tillmann, üm eine kath. Sittenlehre. In; Menschenkunde im Dienste cfer Seeisorge und Erziehunts. Trier 1948. 10.