Bővebb ismertető
Erster TeilDie Wasserträger GottesVor einiger Zeit - ich hatte eben das sechzigste Lebensjahr erreicht - wurde es mir zur Gewißheit, daß ich das Gesicht, dem ich zumindest einmal täglich im Spiegel begegne, als fremd empfinde. Kein Zweifel, es gehört mir, ich trage es auf meinen Schultern, aber im Verlaufe eines Vorgangs, der Jahre gedauert haben mag, muß ich mich ihm entfremdet haben - ohne irgendeine dramatische Verwandlung und ohne das Gefühl, dadurch einen Verlust erlitten zu haben. Ich bin nie schön gewesen und bin nicht häßlich geworden - also nichts gewonnen, nichts verloren. Somit habe ich mich von diesem Gesicht abgewandt, nicht etwa um einer täglich erneuten Enttäuschung zu entgehen oder der Gewißheit einer durchs Alter bewirkten Degradation. Ich verweigere ihm nur die Anerkennung - es gehört zwar niemandem außer mir, ist aber dennoch nicht das meine - nicht jenes, darin ich mich während mehrerer Jahrzehnte zu erkennen pflegte. Und daß ich den, der ich gewesen bin, zuweilen in den Augen, unter den noch nicht weißen, doch spärlichen Brauen wiederfinde, ändert nichts daran.Während der Tage, die auf diese zugleich banale und ungewöhnliche Entdeckung folgten, erwog ich zum ersten Mal ernsthaft, ob ich nicht meine Erinnerungen schreiben sollte. Bis dahin hatte ich diesen Gedanken von mir gewiesen, die Gründe lagen ja auf der Hand: Ich verabscheue die Indiskretion, mit der in solchen Büchern das eigene und das Leben anderer ausgebreitet wird; die Neigung, ja den zeitweise unvermeidlichen Zwang zur egozentrischen Darstellung vielfach verschlungener Beziehungen und Handlungen; die maßlose Monotonie und die ermüdende Eindringlichkeit des Ich, das simultan in den drei Zeiten spricht und agiert; die je nachdem hochstaplerische oder hypochondrische Wichtigtuerei - all das und vieles andere, das dazu gehört, schien mir unerträglich. Doch unerträglich nur, wenn ich selbst der Autor von Erinnerungen sein sollte, denn ich bin seit je ein aufmerksamer, ja begieriger Leser jener intimen Literatur, die sich aus Briefwechseln, Tagebüchern, Erinnerungen, Memoiren und Autobiographien zusammensetzt. Auch kluge, scharf pointierte Polemik lese ich sehr gern, aber