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VORWORT
' nier den fünf sogenannten Erdteilen ist Asien nicht nur der größte, sondern für das ganze bisherige Kulturleben der Menschheit der wichtigste. Über die Hälfte menschlicher Geschichte und menschlichen Daseins spielt sich in diesem Kontinent ab, und Europa selber ist, an den Jahrtausenden gemessen, nur eine Halbinsel Asiens. Unergründlich ist der geheimnisvolle Osten, und ein Menschenleben würde kaum ausreichen, seine Völkerschaften und Kulturen, seine Landschaften und Bauten auch nur oberftächlich kennenzulernen. Wer aber einmal auf großen Reisen einigen Einblick in diese „Wiege der Menschheit" tun durfte, fühlt sich erst an der Schwelle einer ungeheuer reichen Welt, zu der es ihn immer wieder hinzieht. Denn es ist ja auch unsere Welt. Wie viele große Gedanken kamen für uns aus dem südlichen Osten! W/e die Tochter sich anlehnt an die Mutter, so neigt sich Europa dem unermeßlichen, für Geist und Seele ewig schöpferischen Asien immer wieder zu.
Freilich gibt es zwei Asien, zwei Osten, die von jeher nach Europa übergriffen, und sie sind so verschieden voneinander wie nur das organische Chaos vom Schöpferischen der Seele, der Glaube vom Unglauben sein kann. Nur das eine Asien soll dieses Buch zeigen, indem es dem südlichen Hand, dem Kullurgebiet des Erdteils folgt.
Die Wunder Asiens gedeihen nicht dort, wo die Stürme Asiens loben. Über die weiten Steppen des Nordens fegen Nomadenvölker, greifen hie und da in die asiatisch-europäische Kultursphäre ein — aber sie bleiben an der Außenseite des Weltgeschehens. Die großen Ereignisse Asiens sind nicht Kriege und Revolutionen, sondern Taten der Religion. Im Geistigen wurzelt die Kultur von Asiens Völkermassen, die seit Jahrtausenden bis auf den heutigen Tag alle Slufen menschlichen Fühlens. Glaubens und Gestallens vom brutalen Aberglauben bis zu den lichtesten Höhen menschlicher Weisheil und Kunst umfassen.
Jetzt scheint eine neue Zeit über dem alternden Kontinent zu dämmern. Viele halten das alte Asien überhaupt nur noch für eine historische Kuriosität, was vielleicht für die Gebiete, die der ßüchtige Reisende an den Adern des Weltverkehrs besucht, auch bis zu einem gewissen Grad stimmen mag. Das Buch „Die Wunder A.sien.^" will aber jene alle Welt in allen ihren bunten Gegensätzen zeigen, wie sie teils neben, teils weit ab von aller westlichen Zivilisation noch lebt, die Menschen und das, was sie geschaffen, im natürlichen Raum der Landschaft.
Es sind vor allem drei Kullurwelten, die Asien bestimmen: der westliche Islam mit seinem einheitlichen Gesicht, der bis tief nach Indien eindringt, die verwirrend-phantastische Welt des Hinduismus mit dem aus ihr entstandenen Buddhismus und schließlich die ruhige, in sich geschlossene, mehr auf erdverbundenen Lehren einer ethischen Harmonie aufgebaute Welt Chinas, die sich weit über das eigentliche China hinaus nach Korea, Japan und Indochina erstreckt. Besonders inlere.tsant sind dabei die Gebiete im Himalana und Indochina, wo die religiö.se Kultur Indiens und die politische Kultur Chinas in immer neuen Variationen zu.sammenßießen. am eigenartigsten wohl in dem den Europäern streng ver-ichlossenen Nepal, in das ich das seltene Glück halte, durch den Ministerpräsidenten zu einem .Studienaufenthalt eingeladen zu werden. Neben den großen Kulturen begegnet man aber auch immer wieder jenen primitiven Völkerschaften, die in ihren Naturreligionen seit Jahrtausenden weiterleben und die merkwürdigsten Sitten herausgebildet haben, die oft an diejenigen afrikanischer Stämme erinnern und die das lUld .S.siens vervollständigen, nicht als das eil tes Volkes, eines Landes oder einer Kultur, .sondern einer ganzen Menschheit.