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6 Bailer / Neugebauer BRIGITTE BAILER, WOLFGANG NEUGEBAUER DREISSIG JAHRE DOKUMENTATIONSARCHIV DES ÖSTERREICHISCHEN WIDERSTANDES (1963-1993) Entstehung lm Frühjahr 1963 wurde von einem Kreis von ehemaligen Widerstandskámpferlnnen und Verfolgten um Herbert Steiner sowie einigen engagierten Wissenschaftlern das Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (DÖW) gegründet. Zu diesem Zeitpunkt waren bereits 18 Jahre seit dem Ende der NS-Herrschaft und der Befreiung Österreichs vergangen. Zweifellos wáre es sinnvoll und notwendig gewesen, mit der Aufarbeitung von Widerstand und Verfolgung schon 1945 zu beginnen. Die Erinnerung an das Geschehen war damals noch frisch, viel in der Folgezeit verloren gegangenes Material war noch greifbar, der Zugriff auf das Archivmaterial wáre vielleicht einfacher gewesen, vor allém waren viele historische Akteure noch am Leben gewesen. DaB die Bemühungen zur Schaffung einer Dokumentationsstelle für den österreichischen Widerstand erst eineinhalb Jahrzehnte nach Kriegsende einsetzten und nicht von der Republik Österreich, sondern von den Betroffenen ausgingen, hat vielfáltige Ursachen, die mit der allgemeinen politischen Entwicklung nach 1945 zusammenhángen. In der schwierigen Nachkriegszeit und in der Phase des Wiederaufbaus und der beginnenden Konjunktur der fünziger Jahre standén andere Gesichtspunkte, vor allém ökonomische, im Vordergrund; für historische Besinnung, für wissenschaftliche Aufarbeitung, für Fragen der Vergangenheitsbewáltigung war wenig Zeit und Interesse vorhanden. Nach dem Abflauen des 1945 dominierenden antinazistischen Geistes, eine im Zugé des Kalten Krieges auch in anderen Lándern sichtbare Entwicklung, standén der Hervorkehrung des Widerstandes und der NS-Verbrechen die spátestens 1946/47 einsetzenden Bemühungen der politischen Partéién um das Wáhlerpotential der ehemaligen Nationalsozialisten entgegen.1 AuBenpolitisch freilich wurde der Nachweis des österreichischen Wider-