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FESTVORTRAG ANLÁSSLICH DER JAHRESVERSAMMLUNG DES DÖW IM ALTÉN RATHAUS, WIEN, 15. MARZ 1995 Sehr geehrte Damen und Herren! Das Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes ist zu einer wichtigen politischen Kategorie in Österreich geworden. "Das Handbuch des österreichischen Rechtsextremismus" macht Zusammenhánge transparent und schafft politische Realitáten - für die Personen, die darin aufgeführt sind, aber auch für die breite Öffentlichkeit. Je heftiger solche Darstellungen von den Dargestellten heruntergespielt werden, desto gröBer ist ihre Berechtigung. Die Berechtigung für eine Institution, die es sich zum Ziel gesetzt hat, GesetzmáBigkeiten und Mechanismen sichtbar zu machen, die zu totalitáren Strukturen führen, die es den einzelnen viel unbequemer machen, sagen zu können "Wenn ich das alles gewuBt hátte" oder "Darüber hat man uns nicht informiert." Wie konnte es zur Gründung eines solchen Instituts kommen? Wáre eine solche Gründung heute wieder möglich? Ein fürchterliches Inferno hat über Österreich, über ganz Európa hereinbrechen müssen, daB es gesamtgesellschaftlicher Konsens war und hoffentlich noch ist, einer freien, die Meinung jedes einzelnen respektierenden, auch gesellschaftlichen Minderheiten platzgebenden Gesellschaft das Wort zu reden. "Niemals wieder" und "Niemals vergessen" sind Sátze, die sich seit meiner Jugend eingeprágt habén. Diese beiden Sátze bringen in ihrer Pauschalitát die Oberfláchlichkeit dessen zum Ausdruck, was in der Vergangenheit mit "Vergangenheitsbewáltigung" umschrieben werden sollte, und legen den Grundstein für so gegensátzliche Strömungen, wie wir sie jetzt habén und mir groBe Sorgen bereiten. Allzu oberfláchlich und vielleicht unter dem zu starken Primat, "jetzt einmal Stabilitat herzustellen", wurden jene Vorgánge zugedeckt, die die Beteiligung so vieler Österreicherinnen und Österreicher ermöglicht habén. Begünstigt vielleicht durch einen Zeitgeist, der von der Modernisierung, Öffnung der Gesellschaft und des ungebremsten wirtschaftlichen Aufschwungs gekennzeichnet war. Viele von uns waren der Annahme, totalitáres Gedankengut sei ein Relikt der Vergangenheit, die Personen, die es verbreiten, eine mit der Sterblichkeitsrate abnehmende Gruppé. Heute leben wir in einer Zeit, in der einerseits nicht zuletzt dank der bereits geleisteten Arbeit viel offener, selbstkritischer über jene Zusammenhánge geredet, geschrieben und diskutiert wird, die zu dem Holocaust geführt habén, und andererseits die Entsolidarisierung der Gesellschaft und die Totalisierung der Gedanken vieler Menschen in einem