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Festvortrag, Jahresversammlung des DOW, Altes Rathaus, Wien, 12. Márz 1998 Meine sehr geehrten Damen und Herren! Ieh möchte mit einer persönlichen Vorbemerkung beginnen. Es ist für mich besonders bedeutsam, heute hier zu stehen, weil ein Mann, der Ihnen, glaube ich, bestens bekannt ist, mich jahrelang über die Arbeit des Dokumentationsarchivs informiert hat. Es handelt sich um Monsignore Josef Pinzenöhler, jenen Priester, der zuletzt in St. Stephan gewirkt hat, dessen Zimmernachbar ich im Churhaus St. Stephan sechs Jahre lang war und dessen Wissen und Zeugenschaft ich in unzáhligen Gespráchen ausschöpfen durfte. Er hat mir immer vom Archiv erzáhlt, und deshalb ist es für mich auch eine besonders berührende Situation. Ich gehöre einer Generation an, die alles, was es über diese furchtbare Zeit des Dritten Reiches zu sagen und zu wissen gibt, dem Zeugnis anderer verdankt. Nicht zuletzt auch Ihrer Institution, aber natürlich auch den vielen Berichten und Erzáhlungen und all dem, was an Dokumentationen aufgeboten worden ist. Ich bin einer des Geburtsjahrgangs 1952. Das bedeutet, daB in diesem Jahr das Ende des Krieges schon oder erst sieben Jahre zurücklag. Was sind heute sieben Jahre?", habe ich mir oft gedacht. Ich gehöre jener Generation an, die mit Erwachsenen aufgewachsen ist, die von sich selber sagen konnten oder muBten, daB sie diese Zeit auf ganz verschiedene Art durchlebt habén. Ich gehöre einer Generation an, die ihren eigenen Eltern beim Diskutieren zuhört, was damals doch anders hátte laufen müssen und ob man sich selbst tatsáchlich richtig verhalten hat. Und ich gehöre einer Generation an, der schon das leidenschaftliche plus jamais - nie mehr wieder - im Unterricht vermittelt wurde. Als ich in die Schule ging (Anfang der sechziger Jahre bzw. Ende der fünfziger Jahre in der Volksschule begann), hatte man schon viel vorbereitet, um uns einzuführen in das, was geschehen ist. Und trotzdem gehe ich immer wieder durch die StraBen dieser Stadt und durch die Dörfer dieses Landes mit dem Gedanken, daB sich das alles nicht nur spektakulár, sondern über weite Strecken auch ziemlich unmerklich eingeschlichen habén muB - eingeschlichen in die Gehirne, in die Beziehungen, in das politische Verhalten und in die kleinen und groBen Entscheidungen der Menschen. Und so habe ich die Vermutung, daB die Überwindung des Nationalsozialismus, soweit man von einer solchen tatsáchlich reden kann, nicht gleichbedeutend sein muB damit, daB wir allén Totalitarismus für immer hinter uns gebracht hátten. Was sich an Neuem anbahnen kann, wird vielleicht oder vielleicht doch nicht die Kennzeichen und Farben dessen tragen, das wir hinter uns habén. Der