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DON CARLOS
ZUR GESCHICHTE DER OPER
Sdion zur Pariser Weltaussteilung 1855 hatte Verdi für die Pariser Opéra, an der sich seine früheren italienischen Opern größter Beliebtheit erfreuten, ein neues Werk „auf Bestellung" geschrieben: „Die si» zilianiscfie Vespe r". Zehn Jahre später arbeitete er für die Opéra seinen „Macbeth" um und er» klärte sidi, als er zu dessen Erstaufführung 1865 in der fraiizösischen Metropole weilte, bereit, nochmals eine neue Oper eigens für Paris zu sdireiben. Verdi befand sidi damals an einem entscheidenden Wende» punkt in seinem künstlerischen Schaffen. Nach dem glorreichen Dreigestim „Rigoletto — Troubadour — Traviata" hatte er 1859 mir „Maskenball" einen neuen Weg eingeschlagen, auf dem weiterzuschreiten er aber zunächst nidit Wagte. In „auf Bestellung" geschriebenen Opem, wie 1862 „Die Madit des Schidcsals" für Petersburg und jetzt dem Pariser Plan tastete «r sich vorsichtig zu dem ihm vorschwebenden neuen Eiel, das er dann 1870 in „Aida" mit der Sicherheit des Genies erreichte. Unter den ihm in Paris vorgeschlagenen Stoffen wählte Verdi schließ» lieh das Drama des spanischen Infanten Carlos, wie es ihm die beiden französischen Librettisten Méry und du Locie, frei nadi Schiller, zurechtgezimmert hatten. Diese hatten sich aber nidit damit begnügt, sklavisch dem deutschen Werk zu folgen, sondern hatten unter Beibehaltung aller großen Szenen des Sdiillerschen Dramas dieses recht geschickt zu einem Opernlibretto umgestaltet. So stellten sie dem Sdiillerschen Werk einen eigenen ersten Akt voran^der noch in Frank» reich spielt und die aufkeimende Liebe des Don Carlos zu der Frau sdiildert, die dann aus politischen Grün» den seine Stiefmutter wird. Diese, vom Opernstand» punkt aus gesehen, sehr gesdiidcte Einleitung des Dramas geht übrigens von denselben Gesichtspunkten aus, die später Bqito veranlaßten, zu Shakespeares „Othello"einen ebenfalls eigenen ersten Akt ?u schrei» ben, der viel zu dem Erfolg von Verdis Meisterwerk beitrug. Außer diesem ersten Akt fügten Méry und du Locle dem Sdiillersdien Werk noch ein großes Fest in den Gärten der Königin ein mit dem Perlen» Ballett „La Peregrina". Audi diese Szene war zum Verständnis der O p e r n handlung, die im Gegensatz zum Schillerschen Drama mit seinen historisdien
Konflikten den Schwerpunkt einzig auf die m e n s c h » liehen Leidenschaften und Gegensätze legen muß, sehr wichtig. Das Gefähriidie an dem französischen Libretto war seine Weitschweifigkeit 'und Länge. Trotzdem begann Verdi, der sonst stets entscheidenden Einfluß auf die Gestaltung und Ausarbeitung seiner Texte nahm, diesmal, wohl aus einer falschen Ehr» furcht vor den traditionellen Gesetzen der Pariser Oper, das Libretto unverändert in Musik zu setzen. Er mißachtete dabei eine Erkenntnis, die er kurz zuvor in die Worte gefaßt hatte; „Vor allem nötigt die Länge des Textes den Komponisten, unverhält^ nismäßig viel Zeit und Mühe darauf zu verwenden, daraus entspringen zwei Übelstände, ein moralischer für den Künstler und ein physischer für den Menschen. Um gut zu schreiben, muß man rasch schreiben kön» nen, gewissermaßen in einem Zuge, indem man es sich für später vorbehält, das im großen und ganzen Ent» worfene zurechtzustutzen, in die richtige Form zu bringen und zu glätten / sonst läuft man Gefahr, in langen Zwischenräumen eine mosaikartige Oper mit einer Musik ohne Stil und Charakter zustande zu bringen. Man darf sich keiner Täuschung hingeben : die übermäßige Länge eines Textes beeinträchtigt stets die Gesamtwirkung einer Oper." Beim „Don Carios" sollte sich das leider bewahrheiten. Das Werk erlebte nadi mehrfachen Verzögerungen endlich am 11. März 1867 in der Opéra seine Ur» aufführung. Der Abend war natürlich für Paris ein großes gesellschaftliches Ereignis, der Erfolg äußerlich laut, aber nicht durchschlagend. Verdi selbst berichtet an einen Freund : „Gestern abend mach te der ,Don Carios' nicht den Eindruck, auf den idi gehofft hatte. Es mag sein, daß in der Zukunft meine Erwartungen erfüllt werden, aber ich habe keine Zeit zu warten und reise morgen nach Genua ab."Beim Publikum und auch bei der Presse war die Aufnahme eine sehr geteilte. Vor allem wurde die „ungebührliche Länge" der Oper he» anstandet. Verdi sdieint diesen Vorwurf als nicht ganz unberechtigt anerkannt zu haben, denn er willigte für die zweite Aufführung in einsdineidende Stridie. In dieser gekürzten Fassung—also im Grunde sdion der ersten „Bearbeitung" — hatte das Werk stärkeren Erfolg und eriebte im ganzen etwa 40 Wiederholungen.