Bővebb ismertető
MOZART IN GEGENWART UND VERGANGENHEIT
Ein moderner, der Forderung des Tages gehorchender Opernspielplan kommt um eingehende Berücksichtigung der Opern Mozarts nicht herum, und zwar nicht etwa deshalb, weil seit Mozarts Tode (1791) so wenig für die Opernbühne geschehen ist und wir Heutige so verarmt sind, daß wir, wenn wir unsere Opernhäuser mit Musik und mit Publikum füllen wollen, um rund zweihundert Jahre zurückgreifen müßten; es verhält sich vielmehr umgekehrt, wir sind im Laufe der Jahrhunderte reicher geworden, reicher nicht zuletzt an künstlerischen Erfahrungen, die unsere Gegenwart in die Lage versetzen, die uns von Mozart gestellten Aufgaben, an denen die Vergangenheit mitunter gescheitert ist, zu lösen. Wir haben den erforderlichen Abstand gewonnen, um die Größe der Kunst eines Mozart zu überschauen. Werke wie „Don Giovanni" sind für eine Hörerschaft gedacht, die zur Zeit ihrer Entstehung noch gar nicht existierte. Wenn die Münchener Zensur den „Don Giovanni" im Todesjahre des Komponisten zunächst verbot, obwohl man der Oper ein moralisches Mäntelchen umgehängt hatte, indem man ihr den absolut unmozartischen Nebentitel „Der bestrafte Wüstling" gab, tat sie das im Grunde genommen aus den gleichen Motiven, die einen großen Teil der damaligen Kritik bewogen, gegen das Werk Sturm zu laufen. Man sprach von einer Beleidigung der Sittsamkeit, äußerte die Befürchtung, daß die goldene Tafel, auf welcher der Name des „Don Giovanni"-Komponisten stünde, an einen Schandpfahl zu hängen käme, und die Chronik von Berlin bat 1791 um Erlaubnis, an der Größe der Oper zweifeln zu dürfen. Milder gestimmte Kunstrichter sprachen dem Komponisten lediglich das richtige und feine Gefühl für die Poesie ab. Vor allem mangelten diesem nach Meinung derer, die es zu wissen vorgaben, die höhere Kultur, der wissenschaftliche Geschmack und der Sinn für den Bühneneffekt.
Es fehlte nicht an lobenden Stimmen, aber auch das Lob gründete sich nicht auf wahres Verständnis. Man pries die Schönheiten der Musik, fand aber ihre Fülle ermüdend; man wünschte, Mozart wäre mit seinen Gedanken nicht so verschwenderisch, denn die Zuhörer kämen nicht zu Atem. Ahnlich urteilten später, lange nach Mozarts Tode, die Italiener. Teils bejubelten sie den „Don Giovanni", teils pfiffen sie ihn aus, und eine aufrichtige Primadonna erklärte, sie verstünde nichts von dieser vertrackten Musik. Den Parisern wagte man das Werk (1805) nur in einer Bearbeitung von Christian Kalkbrenner vorzuführen.
Es wäre allzu billig, in alldem nur Ignoranz der Kritiker zu sehen. Die Zeit war nicht reif, die Größe der Mozartschen Kunst zu ermessen, und man muß ihrem Urteile dort, wo es abfällig ist, sogar, zugute halten nicht nur, daß es sich ehrlich gibt, sondern vielfach auch das Richtige ahnt und es nur völlig schief einordnet. Man war durchaus im Recht, wenn man im „Don Giovanni" weniger den bestraften Wüstling erblickte als den