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EINLEITUNG
Die romanische Stiftskirche zu Quedlinburg, die gotischen Dome zu Magdeburg und Halberstadt sind künstlerisch überragende Bauwerke der Landschaft nördlich des Harzes. Mit der Fülle mittelalterlicher Kunstdenkmäler dieses Gebietes, das heute zu den bedeutendsten deutschen Kunstlandschaften zählt, vermag sich nur noch das traditionsreiche Rheinland zu messen. Seit alters durchzogen Heerstraßen und Missionswege die wellige und fruchtbare Landschaft, die im Süden vom waldreichen Harz, im Westen von der Weser und im Osten von der Elbe begrenzt wurde. An den Schnittpunkten ihrer alten Verkehrslinien erhoben sich Pfalzen und wehrhafte Burgen als wirtschaftspolitische und militärische Zentren, ebenso Klöster und andere geistliche Stifte. Seit dem 10. Jahrhundert entstanden Kaufmanns- und Handwerksiedlungen im Schutze dieser feudalen Mittelpunkte und entwickelten sich im Laufe des 11. und 12. Jahrhundens zu mächtigen Städten. Die sächsischen Bischofssitze wurden zu geistlichen Metropolen, in denen Dome kraftvoll emporwuchsen. Mit den reichen und kostbaren liturgischen Ausstattungen repräsentieren sie die geistigen und handwerklichen Höchstleistungen ihrer Zeit. Diese Kunst, deren Formensprache wir als niedersächsisch bezeichnen, widerspiegelt die ökonomische und politische Kraft sowie die künstlerischen Fähigkeiten der Menschen dieser Landschaft. Sie und der Stammesverband der Sachsen waren Fundament und Träger bei der Herausbildung des frühfeudalen deutschen Staates unter ihrem Herzog Heinrich. Unter der Herrschaft seines Geschlechts - der sächsischen Könige und Kaiser, die von 919 bis 1024 regierten - war Sachsen ein Kerngebiet der Reichspolitik. Bereits unter Karl dem Großen war es dem Frankenreich bis an die Elbe-Saale-Linie trotz hartem Widerstand des sächsischen Stammes angefügt worden. Schon frühzeitig zeichnet sich die große wirtschaftspolitische Bedeutung der wichtigsten Siedlungen ab - es sind dies vor allem Quedlinburg, Magdeburg und Halberstadt -, deren Monumentalbauten heute noch zu den künstlerischen Höhepunkten unserer nationalen Kultur zählen.
Quedlinburg war wegen seiner Nähe zum wald-und wildreichen Harz neben den Pfalzen Merseburg und Magdeburg an der mittleren Elbe ein Lieblingssitz der sächsischen Herrscher. Nach dem Tode
Heinrichs 1. wurde die stark befestigte Königspfalz fürstliches Damenstift, ohne daß sie jedoch ihre ursprüngliche Aufgabe einbüßte. Die romanische Stiftskirche, die mit ihrer gehobenen Funktion manche als Dom bezeichnete Bischofskirche ihrer Zeit an politischer Bedeutung übertraf, macht besonders eindringlich die komplizierte Entwicklung und das Wesen romanischer Kunst in Sachsen deutlich.
Die mächtige gotische Kathedrale des ehemaligen Erzbistums Magdeburg und ihre verschiedenen Vorgängerbauten sind ebenfalls untrennbar mit der Entstehungsgeschichte des frühfeudalen deutschen Staates verbunden. Schon 806 wird Magdeburg als wichtiger fränkischer Militär- und Grenzhandelsplatz zusammen mit Bardowiek und Halle erwähnt. Danach wurde das karolingische Kastell sächsische Königspfalz, 937 hoch dotiertes Familienkloster der Otto-nen und schließlich 968 Sitz eines Erzbischofs.
Halberstadt ist die älteste geistliche Metropole der sächsischen Kernlandschaft und blieb trotz der Gründung des Erzbistums Magdeburg im Jahre 968 unter der Obhut des Erzbistums Mainz bestehen. Der Halberstädter Dom wird aber nach dem Magdeburger behandelt, da er das jüngste der drei Bauwerke ist.
Dieses Buch will durch Text, Bildteil und Zeichnungen (Grundrisse, Schnitte und historische Ansichten), die einander ergänzen, nicht nur ästhetischen Genuß vermitteln, sondern Verständnis wek-ken für den Entwicklungsprozeß und die Bedingungen, unter denen die Bauten entstanden sind. Ein besonderes Anliegen ist es, das einzelne Bauwerk nicht für sich, sondern in seiner landschaftlichen Umgebung und in seinen historischen Zusammenhängen zu betrachten. Zum Verständnis des Wesens der Dome, deren Errichtung eine der Hauptbauaufgaben des Feudalismus war, soll es beitragen, daß die städtebauliche und stadtgeschichtliche Stellung und die liturgische Funktion der Bauwerke und ihrer Ausstattung berücksichtigt werden.
Die Dome sind hervorragende Zeugen dafür, wie sich der Mensch in den verschiedenen Perioden des Mittelalters, um seine geistigen Bedürfnisse zu befriedigen, mit neuerworbenen künstlerischen Fähigkeiten und Erkenntnissen anderer europäischer Kulturlandschaften, wie beispielsweise denen Oberitaliens oder Frankreichs, schöpferisch und unter Wahrung