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Annelies Schulz
Die Amsel
Das war ein merkwürdiger Sommer. Ich hätte nie gedacht, daß ich ihn mit Stefan verleben würde. Eigentlich mag ich ihn gar nicht. Er hat so eine Art, andere zu durchschauen. Das macht mich wild. Schon am Bahnhof sah er mich so an. ,,Daß du wirklich gekommen bist", sagte er. Ich glaubte Mißtrauen und eine feine Ironie herauszuhören und war verstimmt. Auch das Dorf enttäuschte mich. Überall standen Pfützen vom letzten Regen. An einer Scheunenwand hing ein Aufruf zum Ersten Mai; er war schon halb zerfetzt. „Ein tristes Nest", sagte ich. Stefan blieb stehen und setzte den Koffer ab. „Dann wärst du doch mit Peter an den Plattensee gefahren", erwiderte er. - Ich hatte ihm schon hundertmal erklärt, daß zwischen Peter und mir nichts mehr war, aber immer wieder kam er darauf. Das kaim ich nicht leiden, wenn einer immer wieder das Gegenteil von dem hören will, was er behauptet. Deshalb wollte ich etwas erwidern, etwas Bitterböses, es fiel mir aber nichts ein. - Stefans Mutter erwartete uns schon. Vom ersten Augenblick an mochte ich sie. Ich kann nicht erklären, weshalb. Einfach so. Sie hieß mich willkommen und redete nicht viel herum. Sie sagte auch nicht solchen Unsinn wie: ,Sehen Sie sich bloß nicht um, ich habe noch nicht aufgeräumt', oder: ,Ausgerechnet heute gab es keine Sahne.' - Das Zimmer, das sie für mich zurechtgemacht hatte, war so, wie Gästezimmer überall auf der Welt sind, weißgetüncht, mit schrägen Wänden und einer Waschkommode neben der Tür. Ich ging zum Fenster und sah in den Garten. Die Wiese war frisch gemäht und roch nach Kräutern und warmem Regen. Das war das Schönste an diesem Garten. Sonst gab es nur noch ein paar Gemüsebeete und einen Apfelbaum mit kleinen grünen Früchten. Auf dem untersten Ast saß eine Amsel. Sie hatte einen Wurm im Schnabel und sah schräg zu mir herauf.