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VOR WORT Wir müssen wieder nach dem lebendigen Dürer fragen. Über seine mánnliche" Gestalt, die des jungen Goethe feuriges Auge so unverstellt gesehen hatte, habén sich gelagert die Schichten der wechselnden DürerAuffassungen des 19. Jahrhunderts: das romantische, das biedermeierische, das bürgerliche, das historisch-kritische Dürerbild. Die Wissenschaft hat über den schlichten Grabstein Dürers auf dem Nürnberger Johannisfriedhof eine Pyramide von Büchern und Aufsátzen geháuft. Die photographischen Techniken habén den Segen der Abbildungen nach Dürers Werken über die Welt ausgestreut. Und doch: wahrhaft volkstümlidi ist Dürer nicht geworden! Gewifi: hier und da ruht ein Auge beglückt aus im sonnig-stillen Geháus des Heiligen Hieronymus, die faustische Stimmung der Melancholie mutet den Deutschen vertraut an, und wer den Stich mit Ritter, Tod und Teufel in Hánden hált, empfindet dankbar seinen mánnlichen Zuruf; zum Herzen seines Volkes aber hat Dürer noch keinen rechten Zugang gefunden. Hier liegt die Aufgabe der Dürerforschung unserer Generation, hier liegt auch das Ziel dieses Buches. Bei aller Achtung vor der selbstlosen Kleinarbeit der Kunstwissenschaft und aller Dankbarkeit für ihre reichen Ergebnisse, - es sollte nicht in erster Linie ein gelehrtes", sondern ein menschliches" Dürerbudi geschrieben werden. Bewufit habe ich von der Erörterung kunsthistorischer Streitfragen abgesehen, in der Uberzeugung, dafi die Allgemeinheit von Dürer etwas wissen will, nicht von der Dürer-Philologie. Ich habe deshalb auch auf den Versuch verzichtet, die Lücken in unserem Wissen von Dürers Lehrund Wanderjahren zu schliefien mit stilkritischen Hypothesen. So liegt, wie Hermán Grimm gesagt hat, die volle Kenntnis Dürers noch in der Zukunft. Die ihn nicht kennen, denen fehlt ein Teil Kenntnis unserer Geschichte; die ihn aber kennen, für die muli, wo Dürer genannt wird, sein Name einen Klang habén, als wenn gesagt wird: ,Deutschland, Vaterland!'" Halle a.d.S. und Kampen auf SyltWilhelm Waetzoldt Sommer 1935