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Dürers Stellung zur Antike.
Von Erwin PANOifSicY.
„In was Ehren und Wirde« aber diese Kirnst bei den Kriechen und Römern gewest ist, zeigen die alten Bücher gnugsam an. Wiewol sie nachfolgend gar verloren und ob looo Jahren verborgen gewest und erst in 200 Jahren wieder bei den W a 1 c h e n an Tag gebracht ist worden."
(Albrecht Dürer.)
Die um die Wende des XV. Jhs. entstandenen Arbeiten Albrecht Dürers bezeichnen den Beginn der künstlerischen Renaissance im Norden. Am Ausgang einer Epoche, der die Kunst des klassischen Altertums so fremd geworden war wie keiner zweiten, entdeckt ein deutscher Künstler sich und seinem Volke die Antike. Es ist wohl notwendig g-e-wesen, daß dieser Entdeckung der „Kunst der Griechen und Römer" die völlige Entfremdung von ihr vorausging: während die Kunst Italiens sich gleichsam von sich aus zur Antike zurückzufinden vermochte, konnte der Norden sie — wenn überhaupt — nur „historisch", d. h. als Gegensatz zu seinem eigenen Wesen erfassen; und dazu mußten alle die Fäden, die das frühere Mittelalter noch immer mit ihr verbunden hatten, erst einmal völlig zerrissen sein.
Dürer ist der erste nordische Kümstler, der dieses Pathos der Distanz empfunden hat: er tritt nicht als Erbe oder Nachahmer der Antike auf, sondern als ihr bewußter Erneuerer. Für ihn war sie weder ein Garten, der immer noch Blüten und Früchte trug, noch auch ein Trümmerfeld, dessen Quadern und Säulen bei neuen Bauten benutzt werden konnten, sondern ein großes, verlorenes „Königreich", das durch einen wohlorganisierten Feldzug zurückerobert werden mußte; und indem er begriff, daß nur mehr eine prinzipielle Erneuerung aller ihrer Grundlagen die nordische Kunst in den Stand setzen konnte, die künstlerischen Werte der Antike in sich aufzunehmen, entschloß er sich, selbst diese Erneuerung anzubahnen — theoretisch und praktisch. Was seine theoretischen Arbeiten anlangt, so sollten sie — als ein Ersatz für die verlorenen „Bücher der Alten" — nach seiner eigenen ausdrücklichen Bekundung darauf hinwirken, daß „die Kirnst der Malerei mit der Zeit wieder zu ihrer Vollkommenheit reichen und kommen" möge'); und wenn er — ein Menschenalter vor dem Erscheinen der Proportionslehre — in seinen Gemälden, Kupferstichen und Zeichnungen antikische Gestalten in antikischer Bewegung vorzuführen suchte, so geschah das nicht in dem Bestreben, die eigenen Werke durch wahllos zusammengeraffte Spolien aufzuputzen, sondern in der (wenn auch vielleicht damals noch nicht ganz
Lange-Fuhse, Dürers schriftlicher Nachliiß, 1893, S. aoy, Z. 7 fF.
Jahrbuch für Kunstgeschichte 1921/22. I