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Ich hatte einmal eine Freundin. Sie hieß Edmee. Die Stadt, in der wir wohnten, war grau, ockerfarben, blau, eisig im Winter, sengend heiß im Sommer. Das Leben floß dahin, gleichmäßig und eintönig, wie das Wasser der Brunnen.
Dort verbrachte ich einen Teil meiner Jugend. Die Zeit war nach einem ein für allemal festgelegten Schema eingeteilt: Schultage, Donnerstage, Sonntage. Die winzigen Freiheiten, die ich genoß, mußten innerhalb der Gitter Platz finden. Ich gab mich mit jenen zufrieden, die man mir ließ, Edmee hingegen nahm sich die ihren einfach oder entfremdete sie ihrer offiziellen Bestimmung. Sicher aus diesem Grunde zollte ich ihr eine mit Schrecken gemischte Bewunderung.
Edmee war vierzehn Jahre alt. Wir besuchten zusammen das Lyzeum. Ich erinnere mich der Fadheit in mir, des lauwarmen Milchkaffees und des Gefühls leichter Übelkeit, das mich überfiel, wenn ich zu Edmees Haus ranrtte, in der Furcht, zu spät zu kommen. Sie erwartete mich an der Tür. Ihre Mutter beugte sich schon im locker umgelegten Morgenrock aus dem Fenster, um uns nachzuschauen. Ihr Blick folgte uns bis zum Ende der Straße. Bevor wir um die Ecke bogen, winkten wir ihr noch einmal kurz zu. Dann erst, so stellte ich mir vor, ließ sie ihren Oberkörper ins Wohnungsinnere zurückgleiten.
Edmee sagte, ihre Eltern seien streng. Ihre lange, dürre Mutter hatte ein ständig tränendes Auge, was ihr alleweil eine Trauermiene verlieh. Sie hegte gegenüber meiner Freundin eine ängstliche, argwöhnische Leidenschaft und litt Qualen, sobald Edmee ihrem Blick entschwunden war, indem sie sich die schlimmsten Begegnungen und gräßlichsten Unfälle vorstellte. Man hätte meinen können, daß Vergewaltigungen, Entführungen und Mord für sie geläufige Ereignisse seien. Sie rechnete stets mit dem Schlimmsten und litt Todesqualen, solange Edmee außer Haus war. Des-