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EINLEITUNG
Der Briefwechsel zwischen Wilhelm und Caroline von Humboldt nimmt innerhalb der gesamten Briefliteratur einen hohen Rang ein, sowohl als menschliches Dokument wie als literarisches Werk. In Hinsicht auf beides gehört er zu den großen Hinterlassenschaften der deutschen Klassik und beweist, daß es an uns Hegt, wenn wir dem Klassischen keine lebensbestimmenden Antriebe mehr abzugewinnen vermögen. Dem aufgeschlossenen Leser dieser Briefe wird es nicht entgehen, welche Daseinsfülle dem häufig so genannten »Kunstwerk« von Humboldts Leben und Ehe zugrunde liegt und daß die viel zitierte und uns Heutige fast fatal anmutende Harmonie nicht ein beruhigtes Mittelmaß war, sondern das Ergebnis eines unter starken Zerreißproben durchgehaltenen Willens zur Bändigung chaotischen Lebens durch den geistigen Willen zur Form.
Die Biographen Humboldts haben das allzu glatte Bild von seinem Charakter und seiner Laufbahn, das seine klassizistischen Verehrer gutgläubig konstruiert hatten, seit längerem als blasse Stilisierung erkannt und mit den nötigen realistischen Korrekturen versehen - wobei dann freilich manche in die Rolle psychologischer Detektive abglitten und etwa in einer Tagebuchaufzeichnung des Zweiund-zwanzigjährigen, in der sich ein Hang zu erotischer Abseitigkeit offen ausspricht, den Schlüssel zu seiner gesamten Existenz gefunden zu haben glaubten. Auch wenn man darin kein sträfliches Sakrileg sieht, sondern nur die zeitbedingte Reaktion auf den Kult der Marmorstatuen, braucht man solchen Versuchen nicht zu folgen. Es genügt festzustellen, daß diese Ehe keineswegs das unproblematische Fa-mihenidyll war, zu dem man es für den bürgerlichen Hausgebrauch umgezeichnet hat. Es war die ungewöhnliche Ver-
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