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Zur Geschichte der Röntgendiagnostik
Arzt und Laien erscheint heutzutage die Verwendung der Röntgenstrahlen in der Medizin als etwas ganz Selbstverständliches, obgleich die Röntgenologie wenig mehr als 80 Jahre alt ist. Sie hat sich in diesen Jahren zu einem umfassenden Wissensgebiet entwickelt. Die Entdeckung dieser neuen, bis dahin unbekannten Strahlen durch Wilhelm Conrad Röntgen am S.November 1895 im Physikalischen Institut der Universität Würzburg stellt ein denkwürdiges Ereignis dar, da sie den Beginn einer neuen Epoche in der Medizin und Physik bildet. Sie eröffnete einerseits mit der Röntgendiagnostik neue Wege zur Erforschung des Baues und der Funktion des menschlichen Körpers im normalen und pathologischen Zustand und andererseits mit der Röntgentherapie neue Wege in der Behandlung krankhafter Veränderungen, vor allem der bösartigen Geschwülste. Außerdem ermöglichte sie der Technik, sich ihrer zu „diagnostischen" Zwecken für Werkstoffprüfungen zu bedienen (technische Röntgenologie); femer wird sie für die Kristail-forschung verwendet und ebenso auch für die Gemäldeforschung. Die erste Mitteilung über die grundlegenden Untersuchungen erschien am 28. Dezember desselben Jahres im Sitzungsbericht der Physikalisch-medicinischen Gesellschaft zu Würzburg (Abb. 1). Hierin wurde dargelegt, daß in Gasentladungsröhren aller Art, wie in der Hittorf-Röhre (Johann Wilhelm Hittorf, Physiker, 1824- 1914), Crookes-Röhre (William Crookes, Physiker und Chemiker, 1832-1919) oder in der Lenard-Röhre (Philipp Lenard, Physiker, 1862-1947, Nobelpreisträger), beim Anlegen einer hohen elektrischen Spannung durch Auftreffen von Kathodenstrahlen auf ein Hindernis, wie es die Glaswand der Röhre darstellt, neue Strahlen erzeugt werden, sogenannte „X-Strah-len", die sich anders als die Kathodenstrahlen und andere bisher bekannte Strahlen verhalten. Als wesentliche Eigenschaften hob Röntgen hervor, daß alle Körper für die neuen Strahlen
mehr oder weniger durchlässig sind, wobei sich die Körper allerdings in ihrer Absorption erheblich voneinander unterscheiden, femer, daß die Intensität der Strahlung mit dem Quadrat der Entfemung vom Entstehungsort abnimmt, daß sie beim Auftreffen auf Leuchtstoffe, wie z. B. auf einen mit Bariumplatincyanür angestrichenen Papierschirm, Fluoreszenz erregt, daß sie chlorsilberhaltige photographische Schichten schwärzt, sich geradlinig ausbreitet, weder zurückgeworfen noch gebrochen wird und daß sie von einem Magneten oder elektrischen Feld nicht abgelenkt wird.
Diese Eigenschaften wurden aber kurz darauf auch an einigen Elementen in der Natur festgestellt, und zwar 1896 von dem Entdecker der Radioaktivität, dem französischen Physiker und Nobelpreisträger Henri A. Becquerel (1852-1908) am Uran und 1898 von dem Ehepaar und den Nobelpreisträgern Pierre (1859-1906) und Marie Curie-Sklodowska (1867-1934) an Thorium, Polonium und Radium. Auf Vorschlag des Anatomen Albert von Köl-liker (1817-1905) wurden in der denkwürdigen Sitzung der Physikalisch-medicinischen Gesellschaft vom 23. Januar 1896, in der Röntgen einen Vortrag mit Demonstrationen über die X-Strahlen hielt, diese in „Röntgensche Strahlen" umgetauft.
Eine Schilderung der Ionisation von Gasen durch die neuen Strahlen sowie der Abhängigkeit der Intensität der erzeugten Röntgenstrahlen unter sonst gleichen Bedingungen vom Stoff der Antikathode findet sich in einer zweiten Mitteilung vom 9. März 1896. In einer dritten Mitteilung vom 3. Mai 1897 wies Röntgen nach, daß die erzeugte Röntgenstrahlung keine homogene Strahlung ist, sondern ein Strahlengemisch, und daß die Eigenschaft dieser Strahlung von der Geschwindigkeit der Kathodenstrahlen und somit von der elektrischen Spannung an der Röntgenröhre abhängig ist.