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Erstes Kapitel FRÄULEIN HAENSELS KLASSE
Elisabeth Meinrade ist in ihrer Klasse eine der Stillen im Lande. Vor dreiviertel Jahren kam sie von Kiel hierher in die kleine Stadt Hemmelwarde in die Schule - in die Klasse des jungen, forschen Fräulein Haensel, in der sich, wie das ab und zu vorkommt, eine große Anzahl ganz besonders lebhafter Mädel zusammengefunden hatte. Es gibt ältere Lehrerinnen in der Schule, die von Fräulein Haensels Zwölfjährigen nur als von der „Horde", von der „turbulenten Klasse" sprechen, und Elisabeth findet auch, daß die meisten von ihnen „reichlich wild und laut" sind.
Mutter Meinrade, die ihre stille kleine Tochter gern ein bißchen lebhafter und geselliger sehen würde, empfindet es aber als gar nicht so ungünstig, daß hier in Hemmelwarde für Elisabeth alles ganz anders ist als in Kiel, wo das sehr ruhige, alte Fräulein Wiese vier Jahre lang ihre Klassenlehrerin war.
„Sei nur zufrieden, daß alles ein bißchen munter zugeht", redet die junge Frau Meinrade auch heute abend der Tochter zu. „Sieh mal, ich bin den ganzen Tag nicht da" - Elisabeths Mutter ist als Verkäuferin in einem Brotladen tätig-, „und abends komme ich müde und abgespannt nach Hause. Und unsere Omi ist auch nicht mehr die Jüngste. Da ist es schon gut, wenn ihr in der Schule vergnügt seid."
Elisabeth weiß, wie die Mutter es meint: Sie haben schon viel Kummer erlebt. Damals die Flucht aus der ostdeutschen Heimat mitten in dem entsetzlich kalten Winter - der Tod des jüngeren Schwesterchens und des Großvaters auf der Flucht - der schwere neue Anfang in Kiel - und dann