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DIE URSPRÜNGE
Englands Lage
«Wir müssen allzeit eingedenk sein, daß wir Nachbarn, nicht aber ein Teil des Festlandes sind.» Dieses Wort Bolingbrokes bezeichnet genau Englands eigentümliche Lage. England ist dem europäischen Festland so dicht benachbart, daß man vom Strand von Calais die weißen Kreidefelsen von Dover, die ewige Versuchung des Eindringlings, zu erblicken vermag. Jahrtausendelang war England sogar mit Europa verbunden, und die Themse ergoß sich lange Zeit hindurch in den Rhein. Die Tiere, die England nach der Eiszeit neu bevölkerten, und die ersten Jäger, die ihnen folgten, waren aus Europa über festes Land herübergekommen. Aber so schmal und seicht der Meeresarm auch ist, der die englische Insel heute von Belgien und Frankreich trennt, hat er doch ausgereicht, um dem Land, das er beschützt, ein besonderes und einzigartiges Geschick zu sichern.
«Insular, aber nicht isoliert.» Europa ist zu nahe, als daß die Beeinflussung des Denkens und der Lebensgewohnheiten durch die Insellage unvermischt geblieben wäre. Es läßt sich sogar sagen, daß diese Insularität weit mehr eine menschliche Gegebenheit als eine Erscheinungsform der Natur ist. Zu Beginn seiner Geschichte wird England gleich allen anderen Gebieten unablässig von Eindringlingen überfallen, und es verteidigt sich recht schlecht. In dieser Frühzeit lebt es von Ackerbau und Viehzucht. Seine Menschen sind vorwiegend Hirten und Bauern und nicht Kaufleute oder Seefahrer. Erst sehr viel später, nachdem die Engländer mächtige Flotten gebaut haben und sich von einem Gürtel wohlverteidigter Meere geschützt wissen, lernen sie die wahren Segnungen des Inseldaseins kennen; und erst dieses Bewußtsein, auf einer Insel zu leben, das sie von der Furcht vor Eindringlingen befreit und sie während einiger Jahrhunderte jener militärischen Notwendigkeiten enthebt, von denen die Politik anderer Nationen beherrscht wird, gestattet es ihnen, sich ungefährdet mit neuen Regierungsformen zu versuchen.
Ein glücklicher Zufall hat es gewollt, daß der am leichtesten zugängliche Teil Englands jene Ebene im Südosten ist, die Europa direkt ins Antlitz blickt. Hätte der Boden der Insel sich nach der entgegengesetzten Richtung geneigt und wären die keltischen und skandinavischen Seeräuber schon bei ihren ersten Fahrten sogleich auf unzugängliche Berge gestoßen, so hätten wahrscheinlich nur wenige von ihnen diese Invasion ernstlich versucht, und die Geschichte des Landes hätte einen sehr anderen Verlauf genommen. Aber die Gezeiten des Meeres trugen die Schiffe bis tief hinein in die wohlgeschützten Flußmündungen; die grasbewachsenen Rücken der Kalkberge erlaubten es, die Insel unter Vermeidung der Wälder und des Sumpflandes zu erforschen, und schließlich war das Klima milder als in anderen Landstrichen der gleichen Breite, denn England liegt in einem Golf der Winterwärme, die von den lauen und feuchten Nebeln des Ozeans erzeugt wird. So war diese Küste mit allen ihren charakteristischen Zügen geradezu geschaffen, den Eroberer anzulocken, der zugleich der formende Schöpfer des Landes war.
Dieser zugängliche Teil Englands liegt genau gegenüber der Grenze, welche die romanischen Sprachen von den germanischen (heute das Flämische vom Französischen) trennt. Er war mithin dazu bestimmt, die Sendboten der römischen und lateinischer Kultur ebenso wie die Sendboten der germanischen bei sich aufzunehmen. Hieraus entwickelte England im Verlauf seiner Geschichte eine weitere, besondere Eigentümlichkeit: indem es nämlich die Elemente dieser beiden Kulturen zusammenfügte, um sich aus ihrer Vereinigung seine eigene Wesensart zu schaffen. Dadurch unterscheidet sich England zutiefst von Frankreich und Italien, wo trotz gewisser germanischer
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