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VORWORT
Das vorliegende Lesebuch will nicht ein geschlossenes Bild von der Entwicklung unserer Nationalliteratur geben. Es ist vor allem, wenn auch nicht ausschließlich, für den Literaturunterricht an den Ingenieur- und Fachschulen bestimmt und soll einem Notstand abhelfen: Unsere Studierenden hatten bisher wohl beim Behandeln von Dramen, Romanen und Novellen, nicht aber von Gedichten das Werk selbst zur Hand. Denn alle bisher erschienenen Gedichtsammlungen, etwa die für Oberschulen, sind für unsere Bedürfnisse zu umfassend und daher nicht geeignet. Ebenso fehlte bisher eine für die Ingenieur- und Fachschulen brauchbare Sammlung von Texten zu wesentlichen Fragen der Literaturtheorie, der Ästhetik und der Kulturrevolution.
Aus diesen Voraussetzungen ergibt sich das Prinzip der Auswahl für unser Buch. Ganz.-schriften, die der Fachschullebrplan vorsieht, wurden nicht berücksichtigt. Dasselbe gilt für die meisten epischen Kleinformen, z- B. Sage, Märchen und Legende. Von den presseüblichen Formen konnten aus Raumgründen nur wenige markante Proben aufgenommen werden. Bei der Behandlung dieses Genres sollte der Dozent vor allem aktuelle Beispiele aus den Tageszeitungen verwenden.
Die schwierigste Entscheidung bei der Auswahl der Proben war die Begrenzung des Stoffumfangs und die Verteilung der Gewichte.
Das Lesebuch ist, wenn auch in weitgesteckten Grenzen, lehrplanbezogen. Daraus ergab sich die Beschränkung auf die deutschsprachige Literatur. Als weitere Folge wurde die Literatur des Mittelalters auf wenige besonders charakteristische Proben und auf einige volkstümliche Werke der kleinen Formen beschränkt. Wir waren besonders erfreut, als wir unsere Auffassung während der Arbeit in einem Artikel des Staatssekretärs Dr. Girnus („Neues Deutschland" vom 18.1.1958) bestätigt fanden:
„Die religiös-klerikale Gedanken- und Gefühlswelt des Mittelalters gehört ins Museum wie Kettenpanzer und Lanze. Die Neuzeit beginnt in Kunst und Literatur dort, wo die Emanzipation des Menschen aus den Fesseln religiöser Vorstellungen einsetzt. In der Deutschen Demokratischen Republik hat das Mittelalter endgültig ausgespielt, und die Weltanschauung unseres Jahrhunderts ist der dialektische Materialismus. Eine Germanistik, die sich nicht auf dieser Grundlage konstituiert, hat keine Zukunft."
Aus dieser Einstellung ergibt sich auch das andere Merkmal unserer Auswahl: die starke Betonung der Gegenwartsliteratur, Der Literaturunterricht an den Fachschulen hat nicht das Ziel, eine Fülle von Faktenwissen zu vermitteln, sondern er dient vor allem der sozialistischen Erziehung. Die liebevolle Beschäftigung mit Literaturwerken der Vergangenheit und der Gegenwart soll die Fachschüler aufgeschlossen und fähig