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500. Religion.
1. Wir sind gewiß alle schon einmal am Ufer eines Flusses gestanden und haben
dem Spiel des Wassers zugeschaut. Wir sehen da, wie Welle um Welle vor-
wärts eilt, keine bleibt zurück, alle ziehen fort, weithin in die Ferne, ihrem Ziel
entgegen. Und von andern Bergen kommen wieder andere Quellen und Wasser-
adern herab und eilen dem gleichen Ziele zu. Wer ist es, der all diese Wasser
an sich zieht? Es ist der ferne, heimatliche Schoß des Meeres. Von weitem lockt
er sie an und will sie in sich aufnehmen. Er ist ihr Ziel, ist gleichsam ihr Himmel,
dem sie entgegenziehen. Wer aber ist die stille, große Macht, die von un-
endlichen Fernen her unsere Menschenherzen mit solch geheimnisvoller Kraft
an sich zieht wie der Ozean das Wasser? Es ist Gott, der Herr und das Ziel
jedes Menschenlebens. Er, der ewige Gott selbst, hat diesen Zug zu ihm hin
dem Menschenherzen eingeschaffen; er hat ins Herz das Bedürfnis nach Religion
eingesenkt. Er ruft hinein in die Tiefen des Menschenherzens: „Mein bist du!"
Und aus der Tiefe des Herzens ruft es ihm entgegen mit dem Wort des
Psalmisten (Ps 118, 94): „Dein bin ich, Herr, mein Gott!" Nach Stiegele
2. Es ist ein lebendiges, geheimnisvolles Band, das nach dem Willen des
Schöpfers das Kind während der Zeit, wo es im Schöße der Mutter seinem
irdischen Leben entgegenschlummert, mit seinem mütterlichen Lebensgrund ver-
bindet. Wehe dem Kind, wenn dieses Band vor der Zeit zerrisse! Es wäre
dem Tode geweiht, noch ehe es zum vollen Leben erwacht. So schlingt sich auch
vom Geschöpf zum Schöpfer ein lebendiges Band, geheimnisvoller noch als
jenes, weil es ganz geistiger Art ist, aber nicht minder lebenswichtig für uns und
unsere ewige Bestimmung. Das Erdenleben ist ja nicht das Letzte für uns, son-
dern ein Zwischenzustand, in dem wir unserm wahren Leben, dem ewigen,
entgegenreifen sollen. Wie aber heißt das Band, das uns von unserm Ursprung
her mit Gott verbindet? Es ist die Religion. Wehe, wenn dieses Band durch
eigene oder fremde Schuld zerrissen würde — es wäre der Tod des Größten
und Heiligsten in uns, der lebensvollen Verbindung mit Gott. Durch dieses
geistige Band der Religion vollzieht sich ja der Austausch zwischen Gott und
Mensch: Wir bauen uns ein und klammern uns fest in Gottes Schoß durch Glaube,
Hoffnung, Liebe, Gebet und Gottesverehrung; Gott aber läßt seine Lebens-
kräfte, sein Licht und seine Gnade in uns einströmen, damit wir einmal hinüber-
geboren werden in sein ewiges Gottesleben. EB
3. Der große Görres hat einmal in einem Bilde die unzerstörbare Macht von
Religion und Sittlichkeit geschildert: Seht die Pfeiler unserer Münster! Wie
viele Generationen sind in den Augenblicken vielleicht ihrer besten Gefühle
durch sie hindurchgeströmt wie die Wellen des Stromes durch den Bogen der
Brücke. Sie sind vorübergegangen, und andere werden kommen, die noch nicht
1 Koch, Handbuch XIV
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