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Vorwort
Vorwort
Welche Erwartungen weckt ein Drama mit dem Titel Der Besuch der alten Dame? Ein Besuch hat etwas Flüchtiges. Jemand macht Station, kommt vorbei, schaut 'mal eben rein, bringt dem Besuchten vielleicht eine kleine Aufmerksamkeit mit (Blumen, Pralinen). Man tauscht sich über Erlebtes aus, plaudert, erzählt von seinen Plänen, Stimmungen und Unternehmungen.
Und eine „alte Dame"? Da erwarten wir vielleicht Gebrechlichkeit oder sogar Zerbrechlichkeit, wohl auch ein feines, gediegenes Auftreten, Zurückhaltung in Sprache und Handeln. Die „alte Dame", die in Dürrenmatts Theater-Welterfolg dem Zug entsteigt und das Örtchen Güllen besucht, ist von ganz anderem Kaliber. Darauf deuten schon ihre flammenden roten Haare hin, ihre riesigen goldenen Armringe, ihr Perlenhalsband und ihr skurriles Gefolge (Kaugummi kauende Monstren und blinde Eunuchen). Da ist von Zurückhaltung in Sprache und Auftreten nichts zu merken, da wirft jemand, kaum dem Zug entstiegen, mit Tausendern um sich und gibt in herrischem Ton und mit kodderigem Vokabular Anweisungen. Und dieser Besuch hat nichts UnverbindUches. Da kommt nicht jemand auf eine Tasse Kaffee zum Plauderstündchen vorbei, sondern die Dame setzt ein Kopfgeld aus, einen Preis für einen Mord: eine Milliarde für ein Menschenleben. Das muss uns in seiner Unerhörtheit den Atem stocken lassen und macht uns schlagartig klar, dass wir uns vom Titel haben in die Irre führen lassen und dass wir mehr zu erwarten haben als einen Kaffeeklatsch mit Kuchen und Gebäck. Der vorliegende Erläuterungsband will einige Verständnishilfen geben, die vielleicht auch dazu beitragen können, die