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Das braune Auge des 25jáhrigen Ernst Barlach schaut hinter die Spiegel-Oberfláche der Erscheinung, forscht und fordert zugleich. Gib auf alles gut acht, sagt dieser Blick, mein Leben im Werk verlangt rechte Anstrengung ... Die Familie Barlach war seit dem 17. Jahrhundert urkundlich seShaft in Norddeutschland und Skandinavien. GroBvater Barlach war Pfarrer, der Vater war Landarzt in Wedel/ Holstein, Schönberg/Mecklenburg und Ratzeburg. Dr. Georg Barlach starb 1884 mit 45 Jahren an einer ungenügend gepflegten Lungenentzündung und lieG seine...
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Das braune Auge des 25jáhrigen Ernst Barlach schaut hinter die Spiegel-Oberfláche der Erscheinung, forscht und fordert zugleich. Gib auf alles gut acht, sagt dieser Blick, mein Leben im Werk verlangt rechte Anstrengung ... Die Familie Barlach war seit dem 17. Jahrhundert urkundlich seShaft in Norddeutschland und Skandinavien. GroBvater Barlach war Pfarrer, der Vater war Landarzt in Wedel/ Holstein, Schönberg/Mecklenburg und Ratzeburg. Dr. Georg Barlach starb 1884 mit 45 Jahren an einer ungenügend gepflegten Lungenentzündung und lieG seine Frau und die vier Söhne, damals 12 bis 14 Jahre alt, in sehr beschránkten Verháltnissen und ohne festen Halt. Ostern 1888 verlielS Barlach die Realschule in Schönberg als Primus seiner Klasse, mit einem Aufsatz über die Einwirkung des Meeres auf die Menschen, und bezog die Kunstgewerbeschule in Hamburg. Von Anfang an nahm er sich vor, seine Vielseitigkeit zu entwickeln, arbeitete intensiv und ernst, übte seine Beobachtungsbegabung an allém und allén, auch Verwandten und frühen (leidenschaftlichen!) Liebschaften. Hochgespannt, mit einem nervösen Herzen, erlitt er fast sein ganzes Leben lang körperliches Ungemach - besonders wenn es mit der Arbeit nicht gut ging. Lobte der Busenfreund Friedrich Düsel seine erste Novelle (nicht erhalten, der Held hie& Augustus, die Heldin Elisabeth), strotzte der junge Barlach vor Energie und plante mehrere Werke gleichzeitig; war sein Zeichenlehrer Waldemar ihm abgeneigt, lag er drei Tage fieberkrank. Als seine >Galle máchtig erregt wurde< über eine ungnádige Kritik des von ihm damals bewunderten Kunststils des Idealismus, schrieb er seine >Gründe, weshalb ich Európa verlassen und die Hottentotten zu meinen Mitbürgern gewáhlt habe<, die am 29. Október 1891 in der ,Dresdner Zeitung' seine erste Veröffentlichung war und (wenigstens dem Autor zufolge) viel Aufsehen an der Dresdener Akademie erregte. Barlach las damals eine erstaunliche Menge aus der Weltliteratur der Zeit und schrieb eingehend darüber an Düsel; im ganzen mochte er aber lieber frei dichten, als Kritiken schreiben: >Ich bin zu sehr Bildersucher, zu sinnlich, zu ergeben meinem natürlichen Hangé, mich wie ein Blutegel an Steilen, die meinem Geschmack zusagen, festzusaugen bis zum Genuftüberdrufr, um über den Aufsatz als solchen ein Urteil zu wagen<,schrieb er 1894 (Briefe I 210). Als Schüleran der Dresdener Akademie (1891-1895) fühlte er seinen Weg vom Akademie-Klassizismus zum Akademie-Realismus (Abb. 5). Tiefe Bewegung zeigt aber die Beschreibung seiner Berührung mit >Bettelarmut und geistiger Verlumptheit< durch die Kunst Gerhart Hauptmanns, bei dessen Spiel >Hanneles Himmelfahrt< der im Theater begeistert zuschauende Barlach sich als >nur noch ein Wesen im Finstern mit einem Auge< empfand. An Plastik aus der Dresdener Zeit ist sein solides MeisterProbestück, die >Krautpflückerin< (Abb. 6), schon bekannt, aber ein neuer schöner Fund ist die entzückende Bildnisbüste von Josephine Löser (Abb. 3, 4), spater die Frau des Dresdener Kollegen Hösel. Dieses sorgfáltigspröde Werk iiberdauerte in zerbrechlichem Gips die vielen Jahre seit 1892 und den Bombenangriff auf Dresden 1945, und durfte 1970an mindestenszwei 100-Jahr-Barlach-Feiern, in Deutschland und in der Sowjetunion, teilnehmen. Einen neuen Reiz und überraschende Anschmiegsamkeit an zeitgenössische Richtungen zeigen viele >souvenirs de Paris< 1895-97. Nur ein plastisches Werk wird erwáhnt: das 1896 in Schleswig ausgestellte, spater verschollene Grabrelief nach Hauptmanns >Hannele<. Aber an Zeichnungen und Dichtungen gibt es eine erfreuliche Menge. In der Hoffnung auf Verkáufe schafft der Geldbedürftige witzige fin-de-siécle Eleganz (Abb. 7), für sich selbst aber ungekünstelte Beobachtungen - wie eine nasse Strafte aussieht (Abb. 8), oder ein krankes Mádchen in der Nebenwohnung (Abb. 10). Das kurze Prosastück >Sturm auf der Seine< (S. 15) ist eine Perle an Feinheit, ein Musterbeispiel von unserem Leitmotiv des >sinnenden Auges<, und ein Beweis, wie weit der 26jáhrige sich auch als Dichter entwickelt hat. Als Zauberkünstler láftt Barlach den Schiffsjungen die wohlhabende Braut bekommen, aber im eigenen Leben waren es immer die anderen, denen es besser ging. Der Kollege Kari Garbers (Abb. 18) bekam die Auftráge zum figürlichen Schmuck für die Ratháuser von Hamburg und Altona, Barlach blieb >der Gehilfe<; Freund Düsel bekam eine gute Anstellung beim Verlag Westermann und auch die Marié seines Herzens, seine >Mieting<, und mit der Zeit die >LüttMieting<, über die allerlei Liebes in den Briefen und Tagebüchern steht (S. 68). In jener Zeit ab 1897, zurück in der Heimat, fast ohne Geld, befestigte sich die Lebensweise des Einzelgángers (Abb. 12); seine Begleiter waren Wind, Sturm und die Tageszeiten; seine Hausgenossen die Hexen: Dámmerung, Graumut, Einsamkeit und VerdrieGlichkeit, selten die Glückshexe, eher Wut und Neid (S. 20, 21). Er bannte seine Hexen mit allén seinen Künsten, fixierte sie im Wort, in der Zeichnung, und viel spater, als sein Können kráftiger war und neue Bedrángnisse ihn an die altén erinnerten, bannte er sie auch in Vollplastik (Abb. 115,116), um sich zu befreien. Die letzten Kauernden und Frierenden stammen aus der Hexenzeit um 1907/08. In jenem schwierigen Jahrzehnt nach 1897, als er durch die dekorativen Dickichte des Jugendstils seinen mühsamen Weg machte (Abb.15,17,21),staute sich allmáhlich in seinem Innern eine bewu&te >theoretische< Beziehung zu plastischer Form, zu monumentaler Einfachheit und >Freude am Unkleinen<,zum richtigen Gebrauch des Materials (S. 29). Er konnte aber wenig Gebrauch davon machen, ihm fehlte der Inhalt. lm autobiographischen Bildungsroman >Seespeck< (S. 25-27), der die Zeit kurz nach 1900 beschreibt (obgleich erst ab 1913 geschrieben), láftt Barlach seinen Helden gar nicht als Künstler auftreten, sondern als >ein braver Sonstjemand<, der eine Zeitlang in der altén Geburtsstadt Wedel Landwirtschaftsmaschinen verkaufen soll.

Termékadatok

Cím: Ernst Barlach - Leben im Werk [antikvár]
Szerző: Naomi Jackson Groves
Kiadó: Karl Robert Langewiesche Nachfolger Hans Köster
Kötés: Félvászon
Méret: 210 mm x 270 mm
Naomi Jackson Groves művei
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