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DER ZERBROCHENE KRUG
Man kennt unter gleichem Namen ein kleines Stück vom Dichter des »Käthchen von Heilbronn«. Dieses und die hier folgende Erzählung hatten im Jahr 1802 zu Bern einerlei Veranlassung des Entstehens. Heinrich von Kleist und Ludwig Wieland, des Dichters Sohn, pflogen Freundschaft mit dem Verfasser, in dessen Zimmer ein Kupferstich, »La cruche cassée« unterschrieben, hing, dessen Gestalten und Inhalt ungefähr dieselben waren, wie sie unten im Kapitelchen »Das Gericht« vorgestellt sind. Die ausdrucksvolle Zeichnung belustigte und verlockte zu mancherlei Deutungen des Inhalts. Im Scherz gelobten die drei, jeder wolle seine eigentümliche Ansicht schriftlich ausführen. Ludwig Wieland verhieß eine Satire, Heinrich von Kleist entwarf sein Lustspiel, und der Verfasser gegenwärtiger Erzählung das, was hier gegeben wird.
MARIETTE
Zwar La Napoule ist nur ein ganz kleiner Ort am Meerbusen von Cannes, aber man kennt ihn doch in der ganzen Provence. Er liegt im Schatten ewig grüner, hoher Palmen und dunkler Pomeranzen. Das nun macht ihn freilich nicht berühmt. Doch sagt man, es wachsen da die feurigsten Weintrauben, die süßesten Rosen und die schönsten Mädchen. Ich weiß es nicht, glaub' es indessen gern. Schade, daß La Napoule so klein ist, und der feurigen Trauben, süßen Rosen und schönen Mädchen unmöglich genug erzeugen kann. Sonst hätte man bei uns zulande doch auch davon.
Sind seit Erbauung von La Napoule alle Lanapoulerinnen Schönheiten gewesen, so muß ohne Zweifel die kleine Mariette ein Wunder aller Wunder gewesen sein, weil ihrer sogar die Chronik gedenkt. Man nannte sie zwar nur die kleine Mariette; doch war sie nicht kleiner, als ungefähr ein Kind von siebzehn Jahren und drüber zu sein pflegt, dessen Stirn genau bis zur Lippe des aufgewachsenen Mannes reicht.